Hohe Preise für ihre Werke sind Künstlern nicht nur eine Freude. Oft können die öffentlichen Museen als Käufer kaum noch mithalten, und selbst wenn das Geld noch für die Erwerbung einer einzelnen Arbeit reichen mag, genügt das natürlich nicht, um die Entwicklung einer künstlerischen Position darzustellen. Umso dankbarer ist man, wenn private Sammler sich von vornherein auf einige Künstler konzentrieren und so einen umfangreichen Überblick über ein Werk ermöglichen. So präsentiert die Sammlerin Ingvild Goetz, die schon seit rund fünfzehn Jahren mit Ausstellungen in ihrem Münchner Sammlungsgebäude von sich Reden macht, zurzeit rund vierzig Arbeiten von Mike Kelley, der zu den wichtigsten amerikanischen Künstlern der Gegenwart zählt. Auch wenn sie selbst die Vokabel Retrospektive vermeidet, darf die Ausstellung den damit verbundenen Anspruch durchaus erheben: Zu sehen sind Arbeiten aus mehr als dreißig Jahren, und die meisten Werkphasen und -typen des Künstlers sind exemplarisch vertreten. Auch dokumentiert der Katalog nicht nur das Gezeigte, sondern enthält zudem ein Glossar, in dem wichtige Themen, Begriffe und Figuren aus Kelleys Werk hilfreich erläutert werden.

Vorsichtshalber schreibt Kelley gleich seine eigenen Kunstkommentare

Ist eine derart umfangreiche Erschließungsleistung eher ungewöhnlich (und Beleg für die Professionalität der Sammlung Goetz), so ist sie gerade bei Mike Kelley jedoch auch wichtig, ja sogar notwendig. Kaum ein anderer Künstler, abgesehen vielleicht von Bruce Nauman, bezieht so viele Themen in sein Werk ein, die zudem überwiegend nicht zur (europäischen) Allgemeinbildung zählen und auf ganz Unterschiedliches anspielen: auf US-amerikanische Fernseh- und Comicserien, botanische Phänomene, Vampire und Hochschulrituale. Zwar spürt man auch ohne viel Hintergrundwissen, dass Kelley die Schattenseiten und Perversionen einer vermeintlich ordentlich-braven Welt – das Unheimliche im Biederen – offenbart, doch gelangt man ohne zusätzliche Informationen fast nie zu einer Deutung, die einen überzeugte.

Das ist dem Künstler wohl auch bewusst, allerdings bemüht er sich nicht etwa darum, verständlichere Werke zu schaffen. Vielmehr ist er, selbst abgeschreckt von den oft beliebigen Lesarten durch projektionsfreudige Rezipienten, dazu übergegangen, eigene Kommentare zu seinen Arbeiten zu schreiben: "Die Installation besteht aus einem langen, schmalen Raum, dessen Wände mit einem kastanienbraunen Filz verkleidet sind. An seinen beiden Enden befinden sich jeweils Porträtbilder von Pferden, und auf den gegenüberliegenden Wänden hängt eine Reihe von Filzbannern an Stangen." So deskriptiv beginnt Kelleys Text über seine Installation Alma Pater aus dem Jahr 1990, und im Weiteren führt er ebenso präzise wie nachvollziehbar aus, was ihn zu den einzelnen Elementen veranlasst hat.

Wie der Titel schon andeutet, sieht er die US-Universitäten weniger als fürsorgliche Mütter denn als maskuline Anstalten, die sich in ihrer Selbstdarstellung vor allem über sportliche Wettkämpfe und kaum über wissenschaftliche Meriten definieren. Die Banner greifen Motive auf, mit denen die University of Michigan, an der Kelley selbst studierte, für ihre Sportmannschaften wirbt, während die Pferdeporträts auf die Gewohnheit von Männerclubs anspielen, in idealisierten Tierbildern die eigene Virilität zu feiern. Kelley jedoch hat diese Porträts verfremdet; auf einem rinnen dem Pferd Tränen aus dem Auge, bei einem anderen hat es Milch am Maul. Beides stört den Heroismus, ja veralbert die Männlichkeitsrituale. Dass die Banner aus Filz sind, verleiht den an sich martialischen Sujets ebenfalls etwas Weiches; sie erscheinen auf einmal als niedliche Handarbeit.

Dank zahlloser Codebrüche und Störungen des Verhältnisses von Form und Inhalt verbindet Kelley sonst Getrenntes, ja behauptet – außer in Installationen vor allem in Filmen und Zeichnungen – eine Zusammengehörigkeit etwa von Kindlichem und Aggressivem, von sexueller Gewalt und Religion. Zugleich verleihen diese Engführungen seinen Arbeiten auch einen überraschenden Humor; sie wirken komisch, absurd, wunderbar frech. So legt Kelley manchen Horror offen, bietet aber zugleich dessen Katharsis: Dem Erschrecken folgt das Lachen. Und man merkt, dass dieser Künstler, anders als etwa Louise Bourgeois oder Paul McCarthy, den Obsessionen, die er zum Thema macht, keineswegs selbst erliegt, sondern souverän über allem steht.

In diesem Sinne ist Kelley tatsächlich ein autonomer Künstler. Gerade seine Installationen beeindrucken durch die enorme Sicherheit, mit der er diverse Materialien, Medien und Versatzstücke kombiniert. Im größten Raum der Sammlung Goetz, im Keller, sind drei neuere Arbeiten (aus dem Jahr 2005) zu sehen, die bisher nur in New York und Brüssel ausgestellt wurden und in denen Kelleys Fähigkeiten besonders gut zur Geltung kommen.

Erschreckt merken wir, dass diese Schreckenskunst uns nicht abschreckt

Ausgangspunkt bildet jeweils ein gefundenes Foto aus einem Highschool-Jahresbericht, das eine "extracurriculare Aktivität", also etwa eine Theateraufführung oder ein Fest, zeigt. Kelley wählt die Fotos so aus, dass sie für sich allein rätselhaft und auch etwas unheimlich erscheinen. Mit Schauspielern dreht er einen Videofilm, in dem er seine Assoziationen zum Foto szenisch umsetzt und dieses so drastisch verlebendigt. Der Film wird dann auf Flächen projiziert, die Teil einer Installation sind, welche Kelley aus den jeweiligen Filmrequisiten baut. Zusätzlich hängt er das Ausgangsfoto an die Wand. So entsteht eine durch vielfältige Bezüge in sich geschlossene eigene Welt, in der jedes Element – bis hin zu den Stützstreben einer Projektionsfläche – bedeutsam ist.