Stefan Hippler muss schweigen. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet der katholische Priester als Auslandsseelsorger in Kapstadt. Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Hippler für Aids-Kranke und Aids-Prävention in Südafrika. In der vergangenen Woche nun sollte er in der Talkshow von Reinhold Beckmann über das heikle Thema Kirche und Aids sprechen, einen Tag vorher sagte er seine Teilnahme ab. Genauere Gründe nannte er nicht. Es heißt, die Kirchenoberen hätten ihm mit Rauswurf gedroht, falls er bei Beckmann auftrete. Hipplers Arbeitgeber, die Abteilung Weltkirche in der Deutschen Bischofskonferenz, will dazu nichts sagen.

Die geistlichen Herren wollen sich überhaupt nicht äußern zur Frage, ob denn die katholische Sexualethik den Realitäten im Zeitalter von HIV/Aids noch angemessen sei. Wer sie so beharrlich stellt wie Pfarrer Hippler, den behandeln sie wie einen Ketzer. Sie hoffen, dass dieser Kelch schnell an ihnen vorübergehen möge.

Das Zerwürfnis begann mit der Streitschrift Gott Aids Afrika, die Stefan Hippler zusammen mit mir vorigen Herbst bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht hat. Das Buch stand sogleich auf dem Index der Amtskirche, Hippler wurde dringend "angeraten", öffentlich nicht daraus zu lesen und keine Interviews mehr zu geben. In der säkularen Welt nennt man das einen Maulkorberlass.

Aber was erzürnt die Kirchenhierarchen an den Denkanstößen eines Priesters, der in Kapstadt ein vorbildliches Aids-Projekt aufgebaut hat, eigentlich so sehr? Es ist der Vorwurf, dass sie durch ihre antiquierte Morallehre millionenfaches Leid billigend in Kauf nehmen. Die Pandemie hat unterdessen katastrophale Dimensionen erreicht, beim Welt-Aids-Tag am 1. Dezember wurden die Schreckenszahlen wieder einmal bewusst: 33 Millionen Menschen sind mit den tödlichen Viren infiziert, alle sechs Sekunden kommt es zu einer neuen Ansteckung. Allein in Südafrika sterben Tag für Tag bis zu 1000 Menschen. Und was empfiehlt die katholische Kirche, um diese Geißel der Menschheit einzudämmen? Bleibt treu! Seid enthaltsam! Sündigt nicht! Und wagt es ja nicht, Kondome zu verwenden!

Das gilt – uneingeschränkt und unfehlbar – seit 1968, als Papst Paul VI. in seiner Enzyklika Humanae vitae jegliche Form von künstlicher Empfängnisverhütung verbot – gegen den Rat einer vatikanischen Expertenkommission. 2001 ließen die südafrikanischen Bischöfe angesichts der verheerenden Aids-Statistik Ausnahmen für kirchlich getraute Eheleute zu: Kondome dürfen benutzt werden, wenn einer der Partner HIV-positiv ist. Der Vatikan aber bleibt dabei: Gummis sind Teufelszeug, vor der Immunschwächekrankheit schützen allein Treue und Keuschheit.

Wer sich einmal mit jungen Afrikanern über Sexualität unterhalten hat, weiß, wie weltfremd und verhängnisvoll die Dogmen der katholischen Kirche sind. Es geht ja nicht nur um ihre eigenen Schäfchen, sondern um all jene gläubigen und ungläubigen Menschen, die hilfesuchend an ihre Pforten klopfen. Zahlreiche Priester, Nonnen und Laienkatholiken leisten in Afrika großartige humanitäre Arbeit, sie sind führend in der Pflege von Aids-Kranken. Man kann mit ihnen über das Sterben und das Leben nach dem Tod reden, wenn es aber um das Leben vor dem Tod geht, um Prävention und Aufklärung, schweigen sie lieber. Der Starrsinn ihrer Kirche stürzt viele Mitarbeiter in schwere Gewissensnöte. Sie wollen die Seuche bekämpfen, dürfen dies aber nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln tun. Viele tun es dennoch, die Not ist nah, und Rom ist weit weg.

Warum fällt es der katholischen Kirche so schwer, ihren verstaubten Moralkodex der Wirklichkeit anzupassen? Weil es in dieser Frage um die Sexualität geht. Die alten Männer im Vatikan wollen sie nicht mit jenem "angstfreien, liebevollen und menschenfreundlichen Blick" sehen, den die Reformbewegung "Wir sind Kirche" empfahl. Und sie wollen nicht hören, was ihnen ein Seelsorger aus Afrika zuruft: Geht in euch, Brüder! Denkt über eine Aids-Theologie nach, die Vernunft und Glauben versöhnt! Seid wie Jesus barmherzig mit den Bedrohten und Betroffenen!