Ein Tipi am Kanzleramt – dieser Veranstaltungsort ist so ganz nach dem Geschmack von Peer Steinbrück. Dort, im Tipi, kürt die Zeitschrift Politik und Kommunikation den Finanzminister an diesem Donnerstag zum "Politiker des Jahres". Wo sonst könnte sich Steinbrück so stilecht in einer Rolle inszenieren, die ihm immer besser gefällt: die des letzten Mohikaners?

Die Wirtschaftskrise schlägt jetzt voll durch, alle Welt ruft nach dem großen Rettungsprogramm des Staates, nach einem größeren als dem beschlossenen – nur der Finanzminister hält dagegen. Er will weiter sparen. Vor wenigen Wochen noch war Steinbrück eins mit sich, der Kanzlerin, seiner Partei, mit Experten und Kommentatoren. Souverän, kompetent, vertrauenerweckend – so etwa lauteten die Urteile über sein Krisenmanagement, von anderen und von ihm selbst. Doch dann trafen immer neue Hiobsbotschaften ein, drohte sich die Krise zum größten Konjunktureinbruch seit Jahrzehnten auszuwachsen, verwandelte sich die Wachstumserwartung in die finstere Drohung einer Rezession. Immer mehr Regierungen legen immer größere Konjunkturprogramme auf, die EU-Partner fordern von der deutschen Regierung entschieden größere Anstrengungen – und plötzlich wird aus Steinbrück, dem Souveränen, Peer, der Bremser.

Die SPD-Linken und die Gewerkschaften fordern Konsumgutscheine, doch Steinbrück sagt Nein. SPD-Länderchefs wünschen sich Milliardeninvestitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur – aber Steinbrück lehnt ab. Die CSU und Teile der CDU bringen Steuersenkungen ins Spiel. Und Steinbrück? Sagt Nein.

Je lauter die Forderungen, desto entschiedener das Nein. Bis zum CDU-Parteitag zu Wochenbeginn stand die Kanzlerin noch an Steinbrücks Seite. Nun ist sie von ihm abgerückt. Bei der nächsten Sitzung des Koalitionsausschusses, so verkündete Merkel, werde sie weitere Maßnahmen im Kampf gegen die Krise prüfen. "Alle Optionen" blieben offen. Ein SPD-Linker verheißt dem Finanzminister für den Jahresbeginn nichts Gutes: "Steinbrück wird dann von den Ereignissen überrollt, ökonomisch wie politisch."

Steinbrücks Nein erwächst aus der Überzeugung, dass in dem Motto "Viel bringt viel" vor allem viel Unsinn stecke. Konsumgutscheine verpuffen, Steuersenkungen führen nur zu höheren Sparquoten, Investitionsprogramme wirken erst langfristig – und sind zudem so teuer, dass sie das große Ziel der Großen Koalition kosten: den ausgeglichenen Haushalt. Also hält Steinbrück Kurs – und gefällt sich dabei. Allein gegen die Irrläufer: "Nur weil alle Lemminge denselben Weg gewählt haben, wird der nicht automatisch zum richtigen Weg."

Als "Gefangenen seines Erfolges" sieht ihn ein Parteifreund, als jemand, der in dem Gefühl lebe, zu wissen, wie es geht, und sich das nicht von anderen kaputt machen lassen will.

Steinbrücks Rhetorik fehlt jede Rückzugsoption. Genossen, die es gut mit ihm meinen, haben angeregt, Parteichef Müntefering und Kanzlerkandidat Steinmeier sollten doch für eine verbale Abrüstung des Finanzministers sorgen. Genossen, die es weniger gut mit ihm meinen, erhöhen öffentlich den Druck. "Steter Tropfen höhlt den Steinbrück", hat Wirtschaftsminister Michael Glos unlängst gewitzelt. Das kann aber dauern.