Dai Qing ist so etwas wie die Vorreiterin der chinesischen Umweltschutzbewegung. Inzwischen widmen sich in China viele Gruppen dem Naturschutz, regierungsnahe wie unabhängige. Die Regierung gewährt ihnen mehr Freiheiten als anderen Aktivisten, schließlich gilt Umweltschutz mittlerweile als Staatsziel. Dai Qing, chinesische Umweltaktivistin, will durch Kritik ihr Land stärken© Picasa/NCN

Dass es überhaupt so weit kam, ist auch Dai Qings Verdienst. Sie setzte sich bereits in einer Zeit für Umweltschutz ein, als es den allermeisten nur um schneller, höher, weiter ging. In gewisser Weise war das verständlich: Millionen Menschen lebten in Armut und wollten erst mal mit dem Nötigsten versorgt werden. Und doch zerstörte die Kraft und Brachialität der Entwicklung die Natur in rasantem Tempo.

Dai Qing wollte das nicht hinnehmen. »Der höchste Ausdruck der Würde kann in einem einzigen Wort zusammengefasst werden: Nein zu sagen, wenn man nicht einverstanden ist«! Dai Qing sagte oft Nein, laut und deutlich. Dass sie, die 1941 in der Provinz Sichuan geboren wurde, Tochter eines kommunistischen Märtyrers ist und von dem ehemals sehr einflussreichen Politiker Marschall Ye Jianying adoptiert wurde, hat ihr sicher geholfen. Es hat sie nicht vor allem bewahrt.

Während der Kulturrevolution wurden Dai und ihre Familie wie Millionen andere aufs Land geschickt, Feldarbeit und Entbehrungen sollten sie läutern, so wie es der große Vorsitzende Mao Tse-tung wünschte. Dai war damals überzeugte Kommunistin, sie wäre auch für Mao gestorben, wenn er das befohlen hätte, erzählte sie später.

Zuvor hatte sie als Ingenieurin an der Raketenentwicklung gearbeitet. Doch nachdem Dai vom Land zurückkehrte, wurde sie Journalistin und entdeckte ihr Lebensthema: den Drei-Schluchten-Damm am Jangtse. Dai wurde zu seiner prominentesten Kritikerin und warnte vor den Folgen des Projekts. Zu Recht. Schon jetzt, zwei Jahre nach Fertigstellung des Damms, leidet die Region unter zahllosen Umweltproblemen.

Dai nahm 1989 auch an den Demonstrationen auf dem Tiananmenplatz teil und wurde deshalb für acht Monate ins Gefängnis gesperrt. Nach ihrer Haftstrafe entfernte sich Dai vom Journalismus. Seither lebt sie als freie Autorin in Peking und engagiert sich für Umweltschutz und Menschenrechte. Sie hat viel zu tun. Denn auch wenn Umweltschutz jetzt als Staatsziel gilt, hat die Entwicklung noch immer Vorrang, wird die Natur nach wie vor geschunden. »Heutzutage ist es der Traum jedes Chinesen, in ein Land auszuwandern, in dem die Natur noch intakt und schön ist«, sagt Dai Qing. »Doch es gibt nur sehr wenige Menschen mit Selbstrespekt, die dafür in ihrem eigenen Land kämpfen.« Angela Köckritz