Waren die Attentate von Mumbai für Indien, was der 11. September 2001 für die Vereinigten Staaten von Amerika war? Die hochsymbolischen Ziele, die sich die Terroristen ausgesucht haben, die Grausamkeit und todesverachtende Entschlossenheit, mit der sie vorgegangen sind, die präzise Planung der Aktion wie ihrer politischen Folgewirkungen: All das spricht für einen indischen 9/11.

Doch drängt sich auch ein anderer Vergleich auf: New Orleans, 2005. Damals verwüstete der Orkan Katrina diese Stadt, und plötzlich bekam man ein anderes Amerika zu sehen: verwüstete Straßen, durch die Nationalgardisten und private Sicherheitsleute patrouillieren, bitterarme Menschen, die sich selbst überlassen waren, eine kaputte Infrastruktur, die an ein Dritte-Welt-Land erinnerte – Katrina hatte Amerika entblößt.

Ganz ähnlich haben die Anschläge von Mumbai ein Bild von Indien erschüttert, das in den vergangenen Jahren so populär geworden war. Es ist das Bild eines Landes, das gewissermaßen unaufhaltsam zu einer Weltmacht wird, begünstigt von der Globalisierung, angetrieben von Softwaregenies, vom Hunger dieses riesigen Volkes nach Wohlstand, vom Fleiß und dem Einfallsreichtum seiner Menschen.

Nun aber sieht man ein Indien, das zwölf Stunden braucht, um 200 Elitesoldaten nach Mumbai zu entsenden, ein Indien, dessen Polizisten gegen Terroristen tapfer mit Gewehren kämpfen, die für den Ersten Weltkrieg produziert worden sind. Man sieht vor allem ein Land, das vom Terror gepeinigt ist und den Ballast ethnischer, sozialer und religiöser Konflikte nicht abwerfen kann. Indien schwimmt dieser Tage nicht auf der Welle der Globalisierung einer lichten Zukunft entgegen, sondern es torkelt unter den grausamen Schlägen des Terrors durch eine düstere Gegenwart.

Der Vergleich zwischen den Attentaten vom Mumbai und 9/11 hinkt auch deshalb, weil in Indien allein im Jahr 2007 mehr als 3000 Menschen Anschlägen zum Opfer gefallen sind, und nur ein Teil dieser Anschläge hat einen islamistischen Hintergrund. Nach Angaben des South Asian Terrorism Portal sind knapp 800 Menschen bei Anschlägen ums Leben gekommen, die von Maoisten ausgeführt wurden. "Die maoistische Gewalt", schreibt Ajai Sahni vom Institut für Konfliktmanagment in Neu-Delhi, "spiegelt nicht die außergewöhnliche Stärke dieser Bewegung wider, vielmehr ist es ein Zeichen der Schwäche und Fragilität des Staates." Die Verletzlichkeit Indiens, das ist das Thema dieser Tage. Sie zieht den Terror an.

Die zentrale Herausforderung für diesen "schwachen und fragilen" Staat Indien ist allerdings der islamistische Terror, weil er Auswirkungen weit über Indiens Staatsgrenzen hinaus hat. In diesem Punkt gibt es die deutlichsten Parallelen zwischen den Anschlägen von Mumbai und 9/11. Auch der Terror gegen Indien hat weltumstürzendes Potenzial.

Es wird derzeit viel über Drahtzieher dieser Anschläge spekuliert, und die indische Regierung scheint davon überzeugt zu sein, dass sie in Pakistan sitzen. Neu-Delhi gestikuliert zornig in Richtung Islamabad.

Jenseits aller Indizien über die Hintermänner der Attentäter ist es freilich so, dass islamistisch begründete Anschläge quasi zwangsläufig einen pakistanischen "Hintergrund" haben, allerdings nicht in einem polizeilichen Sinne. Jeder muslimische Attentäter bezieht sich auf die eine oder andere Weise auf Kaschmir, die seit 1947 zwischen Pakistan und Indien umstrittene Region. Wann immer es aber um diese Region geht, ist auch Pakistan mit im Spiel. Denn dieser Staat begreift sich als Schutzherr der Muslime auf dem gesamten Subkontinent. Indien und Pakistan haben drei Kriege geführt, und immer ging es auch um Kaschmir. Kaschmir ist für den Subkontinent das, was der Palästinakonflikt für den Nahen Osten ist. Er ist das Symbol für die Ausgrenzung und Unterdrückung der Muslime.