DIE ZEIT: Das Bundesforschungsministerium hat ein ziviles Forschungsprogramm gestartet, um die Sicherheit der Bevölkerung zu erhöhen. Durch Technik sollen wir besser vor Terror, organisierter Kriminalität und Naturkatastrophen geschützt werden. Das klingt aber erst einmal bedrohlich. Können Sie noch ruhig schlafen?

ANNETTE SCHAVAN: Zum Glück schlafe ich von Natur aus gut. Außerdem gehört Deutschland zu den sichersten Ländern der Welt.

ZEIT: Warum dann das Programm?

Schavan: Damit Deutschland sicher bleibt. Terrorismus und organisierte Kriminalität nehmen weltweit zu. Sensibel sind vor allem die zentralen Lebensnerven unserer modernen Gesellschaften – Strom- oder IT-Netze oder auch Verkehrsknotenpunkte. Je weiter die technologische Entwicklung ist, umso mehr solcher sensibler Lebensnerven gibt es und umso mehr braucht es für die intelligenten Systeme unserer Zeit intelligente Lösungen für den Konflikt- und Gefahrenfall. Wir müssen uns wappnen – durch Forschung.

ZEIT: Glauben Sie denn, dass ein Mehr an Sicherheitstechnik vor Anschlägen schützen kann?

Schavan: Ja. Neue Sensoren können Giftstoffe im Trinkwasser oder in Postsendungen ebenso wie Sprengstoffe in Gepäck und an Personen aufspüren. Mithilfe von Computersimulationen und automatischen Leitsystemen kann man eine Vielzahl von Menschen aus großen Räumen wie etwa Stadien retten, ohne dass eine Panik ausbricht. Das sind nur wenige Beispiele von vielen.

ZEIT: Die Gefahren, gegen die die neue Technologie schützen soll, sind recht abstrakt. Reicht diffuse Angst als Motiv aus, um 123 Millionen Euro in ein Forschungsprogramm zu investieren?

Schavan: Nicht Angst ist das Motiv, sondern Verantwortung. Politik muss zeigen, wie sie Sicherheit ermöglichen kann. Wir setzen bislang darauf, dass die vorhandene Technik reicht, um uns zu schützen, und dass wir durch sie unantastbar sind. Das könnte aber ja nur sein, wenn Szenarien mit Naturkatastrophen oder Anschlägen hierzulande nicht vorzustellen wären. Aber auch unsere Hochspannungsleitungen können durchgeschnitten werden oder durch Naturkatastrophen ausfallen, und auch unsere Flughäfen können Ziele von Terroristen werden. Und noch ein zweiter Aspekt ist hier entscheidend: Es wird in der Gesellschaft immer ein Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit und Freiheit geben – dem muss sich die Politik, die Gesellschaft insgesamt und insbesondere auch die Sicherheitsforschung stellen. Deshalb muss die geisteswissenschaftliche Forschung als Teil der Sicherheitsforschung frühzeitig die Richtung vorgeben und dazu auffordern, ethisch verantwortbare Lösungen zu entwickeln.

ZEIT: Ein Anschlag ist in Deutschland zum Glück noch nie passiert.