Ich wurde zum Juror beim 20. Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden samt Podiumsdiskussion berufen. Juror kann ich gut. Ich fahre zweimal im Jahr zum Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor nach Kassel, einmal zur Preisverleihung und einmal, um mich überstimmen zu lassen. Die Baden-Badener Jury besteht (v.l.n.r.) aus dem Drehbuchautor und Regisseur Hendrik Handloegten, der Berliner Casterin Anja Dihrberg, der Jury-Vorsitzenden Klaudia Wick, dem Leiter des Suhrkamp Theater-und-Medien-Verlags, Hans-Jürgen Drescher, Eva Mattes und mir; da müßte das mit dem Überstimmtwerden auch zu schaffen sein.

Zum Auftakt wird der Vorjahressieger, Autopiloten, gezeigt. Der abgetakelte Schalke-Trainer kaut im Hotelzimmer Erdnüsse und haut mit der Stirn gegen die Fensterscheibe. Ich raune Eva Mattes zu: "Erdnüsse kauen und mit der Stirn gegen die Fensterscheibe –, das ist besser als vom Balkon springen." "Merk’ ich mir", raunt sie zurück. Dann werden wir vom Herrn Oberbürgermeister Gerstner begrüßt. "Guten Abend, Herr Gerstner", mache ich ihn mir gewogen, weil ich natürlich vorher die Anwesenheitsliste auswendig gelernt habe. Dafür verwechselt er Eva Mattes mit Angela Winkler, und ich sage: "Wenn man mich mit Angela Winkler verwechselte, würde ich einen ganzen Nachmittag lang Erdnüsse kauen und mit der Stirn gegen die Fensterscheibe dotzen." Ich versuche, sie zu trösten, was zwar gar nicht nötig ist, aber wann hat man schon die Gelegenheit: "In Lüneburg sagte Gudrun – vom Signieren in der Pause weiß ich immer, wie alle heißen – zu mir: ›Haben Sie denn heute abend ein anderes Programm als letztesmal?‹ ›Natürlich‹, sagte ich. ›Letztesmal hatten Sie ja noch einen zusätzlichen Musiker dabei‹, sagte sie. ›Hä?‹ machte ich, und Jens, ihr Bekannter, sagte: ›Süßi, das war Hüsch.‹"

Jaja, die Lesereisen. Und damit sind wir auch schon bei Ein starker Abgang, in dem Bruno Ganz als am Darm erkrankter Schriftsteller einen kränkelnden Verlag durch eine Lesereise zu retten versucht –, eine Lesereise wohlgemerkt, in deren Verlauf er aber keine Mehrzweckhallen füllt, sondern gerade mal Buchhandlungen. Da wäre vielleicht nicht nur medizinische Fachberatung nötig gewesen. Ich gebe das brummig zu bedenken und setze noch einen drauf: "Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, daß ein Schriftsteller mit dem Charisma, wie Bruno Ganz ihn darzustellen vermag, es schafft, die Leute in einer Autobahnraststätte so in seinen Bann zu ziehen. Es sei denn, sie wären Komparsen." Alle hassen mich. Arend Agthe sagt, ich hätte ganz recht. Aber der sitzt nicht in der Jury.

Canzun Alpina beschreibt, wie ein Dorf in Graubünden durch die Macht des Chorgesangs seine Asylanten liebgewinnt. Ich betone meine Expertenschaft als Bass im Oberstufenchor und Ehrentambour der Luzärner Rüüssfrösch, sage, so einen schönen DEFA-Film hätte ich selten gesehen, und der Regisseur bedankt sich: "Ich habe nämlich in Babelsberg studiert." Das hat man selten, daß man so ins Schwarze trifft.

Abends um halb acht habe ich eine Lesung. Karl-Otto Saur, der Veranstalter, Karl-Otto Saur, die lebende Legende, sagt: "Dann wollen wir mal anfangen", ich maule: "Ist doch noch niemand da", aber es ist eindeutig halb acht. Dann fang ich eben ohne Publikum an. Vielleicht kommt ja noch eins. Bruno Ganz hat sowas nur gespielt, denke ich, ich erlebe es.

Danach ist ein – übrigens sehr gut besuchter – Empfang. Eine Engländerin fragt mich, stolz, weil sie so gut Bescheid weiß, ob ich was mit dem Rowohlt Verlag zu tun hätte. "Sie kennen doch Freddy Krueger", sage ich. "Wissen Sie, warum der so wurde, wie er ist? Den hat man einmal zu oft gefragt, ob er was mit dem Wolfgang Krüger Verlag zu tun hat."

Morgens in Brenner’s (Apostroph nicht von mir) Park Hotel bin ich im Frühstücksraum bzw. im Saal Lichtenthal ganz allein mit einem russischen Oligarchentöchterlein und entzücke es mit meinen zwei Sätzen: "Mit jedjen w MTS. Djen charaschij." ("Wir fahren in die Maschinen-Traktoren-Station. Der Tag ist schön.") "Guten Appetit", gibt sie mir, den Kopf neigend und hold errötend, Bescheid. "Chaben schäne Tage." Dann kommt die übrige Jury.