Ein paar Jahre nach der Wiedervereinigung kamen die Bautrupps erstmals nach Dresden, um die Zukunft zu errichten. Siemens baute dort die modernste Chipfabrik der Welt, angelockt durch einen hohen dreistelligen Millionenbetrag an staatlichen Subventionen. Den Wandel des Dresdner Umlands vom Christstollen-Cluster zum »Silicon Saxony« ließen sich Bund und Freistaat Sachsen einiges kosten. Und so kamen nach Siemens noch zahlreiche andere Hightechfirmen, nahmen eigenes Geld und staatliche Subventionen und errichteten Fabriken und Labore. Seit den Neunzigern wurden in Dresden mehr als 12 Milliarden Euro investiert und rund 1.200 Firmen angesiedelt. Bürgermeister, Minister und Wirtschaftsführer streiften sich bei neuen Bauprojekten die Gummistiefel über und stapften über Wiesen und Äcker, um symbolisch erste Spatenstiche auszuführen.

Vermutlich wussten sie damals selbst nicht so genau, ob sie Fundamente für die Zukunft aushoben oder Subventionsgräber. Im Fall von Qimonda sieht es zurzeit eher nach einem Grab aus.

Qimonda stellt in Dresden Speicherchips her, freilich nicht sonderlich erfolgreich. Die für Montag geplante Veröffentlichung der Jahreszahlen setzte das Unternehmen kurzerhand aus. Doch allein in den zurückliegenden neun Monaten summierten sich die Verluste auf rund 1,5 Milliarden Euro. Geschehe kein Wunder, so teilte Qimonda am Montag mit, drohten spätestens im März »Liquiditätsengpässe«. Mögliche Folge: Insolvenz. Bis Weihnachten müsse eine Lösung her, heißt es aus dem Management, »ewig können wir nicht mehr warten«. Wie das Weihnachtswunder auszusehen habe, wissen Manager und Politiker auch: Entweder erbarmt sich doch noch ein privater Investor – oder der Staat muss helfen.

Qimonda ist ein alter Problemfall von Siemens, den bei der Münchner Industrie-Ikone kaum jemand mehr haben wollte. Vor acht Jahren brachte Siemens seine aufgrund des extrem konjunkturabhängigen Geschäfts unliebsam gewordene Chipsparte unter dem Namen Infineon an die Börse und entsorgte so stufenweise ein kaum kalkulierbares Geschäftsrisiko in den Wertpapierdepots der Kleinanleger. Später wollte sich Infineon nur noch auf den einträglicheren Teil des Halbleitergeschäfts konzentrieren und sich seinerseits von den Speicherchips befreien. Gründete die Tochterfirma Qimonda und brachte auch sie an die Börse – blieb aber bislang auf 77,5 Prozent der Anteile sitzen. Eine gute Geldanlage war keines der beiden Unternehmen: Seit dem jeweiligen Börsengang sank der Aktienkurs von Infineon um 98 Prozent, der von Qimonda um 99 Prozent. Jetzt, da Qimonda die Insolvenz droht, will Infineon seiner Tochter nicht mit Geld beistehen. Infineon-Vorstandssprecher Peter Bauer und sein Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley sollen bereits mit Wirtschaftsminister Michael Glos gesprochen haben. Je nach Quellenlage variieren die Wünsche zwischen einer 500-Millionen-Euro-Bürgschaft und einer Beteiligung des Freistaats Sachsen an Qimonda. Infineon will das nicht kommentieren, aber die Botschaft ist deutlich genug: Nach den Banken brauchen nun die Halbleiterproduzenten staatliche Hilfe. Sonst erwischt die Wirtschaftskrise auch den Hightechstandort Dresden – allein bei Qimonda arbeiten dort rund 3.000 Beschäftigte. Nahezu jeder dritte wird so oder so seinen Job verlieren, jetzt geht es darum, die übrigen Arbeitsplätze zu retten. In den nächsten Tagen soll der Belegschaft auf einer Betriebsversammlung das bereits beschlossene Sparprogramm erläutert werden.

»Durch eine Bürgschaft oder Verstaatlichung wird das Problem bloß vertagt«, sagt Joachim Ragnitz vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung in Dresden. »Die Produktion von Speicherchips ist sehr kapitalintensiv, hat kurze Innovationszyklen und leidet weltweit unter massiven Überkapazitäten.« Soll heißen: Fabriken für Speicherchips sind wahnsinnig teuer, schnell veraltet, und außerdem gibt es viel zu viele davon. »Momentan werden Chips teilweise zu Preisen verkauft, die 30 Prozent unter den Kosten liegen«, heißt es aus dem Qimonda-Management. »Standortentscheidungen werden in unserer Branche vor allem nach Subventionen getroffen.«

Die Krise bekommt so eine zweite Dimension. Offenbar wittern Subventionsjäger die Chance, mit dem Argument der Standortsicherung nun die europäischen Beihilferegeln zu lockern. Angeblich lobbyiert Infineon bereits in Brüssel. Die EU-Kommission hat staatliche Beihilfen der Mitgliedsstaaten eingeschränkt, um einen Subventionswettlauf innerhalb des Binnenmarktes zu verhindern. Auch für wirtschaftlich benachteiligte Regionen wie Sachsen gelten Obergrenzen. Außerdem müssen die Subventionen in einem komplizierten Verfahren in Brüssel beantragt und genehmigt werden. Das Problem: Andere Länder kennen solche Beschränkungen nicht, und so wird Europa aus Sicht der subventionsfixierten Chipindustrie zunehmend unattraktiv. Sachsen steckt in der Falle – schließlich wurde die Region mit Milliardenaufwand zum Hightechstandort gepäppelt. »Volkswirtschaftlich ist das sehr fragwürdig, aber wenn die Hightechregion um Dresden politisch gewünscht ist, muss man dafür viel tiefer in die Tasche greifen, als es derzeit erlaubt ist«, sagt ifo-Forscher Ragnitz. »Singapur, Malaysia und die USA sind ja auch nicht an europäische Beihilferichtlinien gebunden und buttern jede Menge Geld in die Halbleiterindustrie, etwa über Steuererleichterungen oder über billige Grundstücke.« Als der Chipfabrikant AMD vor zweieinhalb Jahren ein neues Werk plante, war Dresden bald aus dem Rennen: Der US-Bundesstaat New York bot dem Unternehmen fast doppelt so viel Geld.

Auch bei Qimonda gehört die Akquise von öffentlichen Fördermillionen zum Alltag, sogar in besseren Zeiten als heute. Das belegt der Prospekt zum Börsengang 2006, in dem die »Verringerung staatlicher Subventionen« als Geschäftsrisiko eingestuft wird. Wie die meisten Konkurrenten auch habe man seine Ausgaben in der Vergangenheit mit Fördergeld teilweise kompensiert, allerdings werde »der Wettbewerb um staatliche Unterstützung härter«.