Zumindest die Werbung in Russland ist neuerdings ehrlich: Mit dem Slogan »Hurra! Es ist Krise!« rühmt ein Autohersteller seine Rabatte. Ein Anti-Krisen-Wodka hat sich als neue Marke registriert, und Nachtklubs feiern »Krisenpartys«. Nun können sogar Politiker, die der Presse bisher empfahlen, von »zeitweisen Schwierigkeiten« zu schreiben, das Tabuwort Krise nicht mehr umgehen. Der Finanzcrash hat die Realwirtschaft getroffen – und das viel wuchtiger als gedacht. Nach acht Boomjahren steht Russlands Erfolgsformel des Exports von Bodenschätzen gegen garantiertes Wachstum vor dem Ende.

Zwar klingt das voraussichtliche Wirtschaftswachstum für 2008 von knapp sieben Prozent noch beachtlich. Doch Hiobsbotschaften trüben das Bild. Das Zentrum für Makroökonomische Analyse und Kurzfristige Prognose hat für Oktober einen Rückgang der Industrieproduktion um fast ein Prozent ermittelt. Das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr dürfte auf drei Prozent sinken. Für Dezember und Januar sind nach offiziellen Angaben 200.000 Entlassungen geplant. Die tatsächliche Zahl liegt vermutlich höher.

Im Internet lässt sich die Krise in Russlands Regionen erfassen: Blogger melden, dass die Buntmetallwerke OZM in Kirow 161 Mitarbeiter entlassen und der Lastwagenhersteller Kamas Zwangsurlaub anordnet. Sie berichten von Kurzarbeit in Woronesch und geschlossenen Banken in Pensa. Bartergeschäfte wie in den neunziger Jahren kommen wieder auf: Baufirmen bieten für Beton und Backsteine Wohnungen an. Die Lohnschulden klammer Großunternehmen sind im Oktober um ein Drittel auf mehr als 110 Millionen Euro geklettert. Böse Erinnerungen tauchen auf an die Zeit, als Fabriken ihre Arbeiter aus der Produktion in Form von Kristallleuchtern, Büstenhaltern oder Kühlschränken bezahlten.

Wachsende Besorgnis um die Loyalität der sogenannten Ikea-Generation, der jungen Gutverdiener, ist im Kreml spürbar: Der eher öffentlichkeitsscheue Hauptideologe Wladislaw Surkow rief zur Sicherung der russischen Mittelklasse auf. Die Regierung hat bisher für Stützungsprogramme der Wirtschaft 200 Milliarden Dollar frei gemacht. Zwar hat Russland die drittgrößten Devisenreserven der Welt aufgehäuft. Aber um den Rubel gegen den Druck des niedrigen Ölpreises zu stützen, hat die Zentralbank bereits 150 Milliarden Dollar von einst 600 Milliarden ausgegeben. Dennoch hat der Rubel seit Juli fast ein Fünftel seines Wertes verloren. Der Zentralbankkurs folgt vor allem der politischen Maßgabe, das Vertrauen der Bevölkerung in die eigene Währung zu sichern. Zu frisch ist noch die Erinnerung an frühere Geldentwertungsschocks.

Zwar ist Russlands Haushalt noch schuldenfrei, aber 2009 dürfte er bei einem Ölpreis unter 70 Dollar pro Fass ins Defizit rutschen. Finanzminister Alexej Kudrin hat bereits angekündigt, den Haushalt im kommenden Jahr mit 36 Milliarden Dollar aus dem Reservefonds für schlechte Zeiten zu stützen. Gemessen an diesem Zuschuss, reicht der Fonds für drei Jahre. Die Krise zeigt, wie sehr Russlands Wirtschaft vom Ölpreis abhängt. Mit ihm sinkt die Börse in Rekordtiefen, schwindet das Vertrauen der Auslandsinvestoren. Die früher hohen Einnahmen aus den Exportzöllen für Öl und Gas fehlen dem Staat. Da die Zölle nicht im gleichen Maße wie die Ölpreise sinken, haben die Ölfirmen im September und Oktober nach einer Schätzung der Alfa-Bank 3,3 Milliarden Dollar Minus gemacht. Erstmals in diesem Jahrzehnt sinkt Russlands Ölförderung.

Zur Überwindung der Liquiditätskrise hatte Russlands Regierung im Herbst Vorzugskredite an Staatsbanken verteilt. Doch diese horteten das Geld lieber, statt es weiterzureichen. Viele Handelsketten und Geschäftsinhaber haben kein Bares mehr, und ihre Lieferanten liefern wie Kreditgeber auf eigenes Risiko. Der Zahlungsverkehr der Firmen untereinander stockt. Zudem flossen seit August nach einer Schätzung der Bank BNP Paribas mehr als 190 Milliarden Dollar ins Ausland ab. Zwar sind Russlands Staatsschulden fast vollkommen getilgt, doch die verbreiteten Geschäfte auf Pump haben eine Unternehmensschuld von insgesamt 500 Milliarden Dollar aufgehäuft. Bis zum Ende 2009 sind davon 210 Milliarden fällig – mit ungewisser Refinanzierung.

Um die vor Monaten angekündigten Auslandserwerbungen durch russische Staatsfonds und Unternehmen ist es ruhig geworden. Die Regierung muss ihr Geld im Moment zusammenhalten für Sozialausgaben, Konjunkturprogramme oder russische Firmenanteile, die sie im schleichenden Nationalisierungsmonopoly aufkauft. Vielen Konzernen wiederum fehlt Geld. Selbst der Ölkonzern Lukoil musste bereits einen Hilfskredit bei der staatlichen Außenhandelsbank über 1,8 Milliarden Dollar beantragen.