Zu den Geschädigten in der Finanzkrise gehören neben der Lehman-Oma und Kaupthing-Kunden auch angesehene Industrieführer, die finanziell Federn ließen, wie sie es nicht für möglich gehalten hatten. Einer ist Peter Löscher, der Mann, der seit fast eineinhalb Jahren an der Spitze von Siemens steht. Um zu beweisen, dass er an eine große Zukunft des Industriegiganten glaubt, hat Löscher einen Teil seines Privatvermögens in Siemens-Aktien angelegt. Im Januar und im März kaufte er über die Börse insgesamt 100.000 Papiere. Bezahlt hat er für das Päckchen rund 7,3 Millionen Euro.

Es war ein schlechtes Geschäft. Wenn der Siemens-Chef seine Aktien heute verkaufen wollte, bekäme er nur noch 4,5 Millionen Euro. Wäre Löscher eine Bank, müsste er 2,8 Millionen Euro abschreiben. Das kann er verkraften, hat er doch zuletzt ein Jahreseinkommen (inklusive Beihilfe für den Umzug aus den USA) von fast zehn Millionen Euro bezogen. Außerdem ist Löscher kein Banker, sondern ein Mann der wirklichen Wirtschaft, und er hat sein privates Investment als langfristige Geldanlage geplant. Und da sieht es gar nicht schlecht aus.

Siemens ist eines der wenigen Unternehmen, die ihre Erwartungen für das Geschäftsjahr 2009 (das bei dem Münchner Unternehmen schon im Oktober begonnen hat) nicht heruntergeschraubt haben. Zur Überraschung der meisten Beobachter hat der größte europäische Mischkonzern die Gewinnprognose trotz Finanzkrise und Weltrezession bestätigt. Löscher peilt unverdrossen ein Ergebnis zwischen 8 und 8,5 Milliarden Euro an. Seine Zuversicht kann der Konzernchef auf Fakten gründen: Siemens hat Aufträge für 93 Milliarden Euro in den Büchern, die können in den nächsten Jahren abgearbeitet werden. Dass viele Orders wegen der Bankenkrise storniert werden, muss Löscher nicht fürchten. Siemens verbucht nur Aufträge, deren Finanzierung gesichert ist.

Kurzarbeit? Bei Siemens kein Thema. Weiterer Personalabbau? Nicht nötig, der Konzern stellt in seinen Kernsparten wieder Leute ein. Kreditschwierigkeiten? Gibt es ebenfalls nicht. Mit sieben Milliarden Euro Cash könnte Siemens-Finanzchef Joe Kaeser sogar anderen unter die Arme greifen.

Ausgerechnet Siemens! Der Skandalkonzern aus München, der Schmiergeld in der Welt verteilt hat und zum Zentrum unzähliger Ermittlungsverfahren geworden ist. Ein Unternehmen, das heimlich eine Gewerkschaft betrieben hat, wie das Landgericht Nürnberg-Fürth gerade feststellte. Ein Konzern, der seine Vorstände zuletzt schneller auswechselte als jeder andere und dessen Spitzenmann die Führung radikal umgebaut hat. Ausgerechnet dieses so heftig durchgeschüttelte Unternehmen ist im abgelaufenen Geschäftsjahr fast dreimal so schnell gewachsen wie die Weltwirtschaft – und steht nun besser da als die meisten anderen deutschen Konzerne.

"Siemens ist ein für die Herausforderungen der nächsten Jahre hervorragend aufgestelltes Unternehmen", sagt Ingo-Martin Schachel, Aktienanalyst bei der Commerzbank. Und Frank Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim meint: "Man muss sich wirtschaftlich um Siemens keine Sorgen machen. Verglichen mit dem Konkurrenten General Electric, haben die in München ziemlich viel richtig gemacht."

Zwar glauben beide Analysten nicht, dass Löscher sein Gewinnversprechen am Ende exakt einhalten kann. "Ich schätze, dass es 300 bis 400 Millionen weniger werden", sagt Schachel. Vor dem Hintergrund einer Weltrezession wäre das aber immer noch ein glänzendes Ergebnis.