Carolyn Christov-Bakargiev wird die künstlerische Leiterin der Documenta 13 im Jahr 2012. Diese Nachricht lässt uns aufatmen. Nicht weil wir sicher wüssten, dass uns Christov-Bakargiev eine gute Ausstellung bescheren wird, sondern weil die Documenta auch in den Zeiten der allgemeinen Krise ihrer Tradition treu bleibt. Nach Catherine David, Okwui Enwezor und zuletzt Roger Buergel hat sich die Documenta-Jury wieder einmal für eine Ausstellungsmacherin entschieden, die dem größeren deutschen Kunstpublikum unbekannt ist. Documenta-Macher, so verlangt es offenbar ein ungeschriebenes Gesetz, dürfen keine erfahrenen Museumsprofis sein.

Allerdings ist Christov-Bakargiev im internationalen Kuratorenkarussell durchaus schon einige Runden mitgefahren. Seit 2002 leitet die heute 50-Jährige das Castello di Rivoli in Turin, davor war sie am New Yorker P.S.1 tätig, dieses Jahr durfte sie die Biennale in Sydney vorbereiten. Und oft beschäftigt sie sich mit Themen, die jedem Documenta-Besucher vertraut sein dürften, mit der Globalisierung etwa oder der Konsumkritik.

Zugleich kritisiert Christov-Bakargiev, und auch das ist durchaus Documenta-typisch, den grassierenden Kunstrummel und vor allem den "Kult des Neuen". Deshalb hat sie bereits auf mehreren Ausstellungen das Neue und Alte nebeneinander gezeigt, was wiederum an die letzte Documenta erinnert.

Doch so vertraut sie auch mit vielen Kasseler Gepflogenheiten zu sein scheint – Christov-Bakargiev als Leiterin zu küren ist durchaus ein Wagnis. Denn um eine Documenta souverän gestalten zu können, bedarf es vor allem großer organisatorischer Erfahrungen. Tausende Journalisten bestürmen Kassel in den Tagen der Eröffnung, weit über eine halbe Million Besucher reisen während der 100 Ausstellungstage an. Dafür sind die bestehenden Museen viel zu klein, sodass beim letzten Mal sogar Glashäuser für die Kunst errichtet werden mussten. Als Bauherrin wird sich die neue Leiterin also ebenfalls bewähren müssen – und, wichtiger noch, als Geldeintreiberin. Vorbei die Zeiten, in denen die Documenta auf potente Sponsoren und die Unterstützung der Sammler verzichten konnte. Und so muss die Kuratorin viel Zeit damit verbringen, private Mäzene zu gewinnen.

Erschwert wird ihre Arbeit noch dadurch, dass jeder Documenta-Leiter bei null beginnen muss. So gibt es beispielsweise keine Bürokräfte oder Pressesprecher, die ihre Erfahrungen von der einen Ausstellung zur nächsten weitergeben würden. Das alles raubt Energie, die wiederum für die inhaltliche Vorbereitung fehlt. Es reicht also nicht, nur einen Sportbootführerschein zu haben, um den Documenta-Supertanker steuern zu können. Und doch geschieht mit schönster Sicherheit alle fünf Jahre genau das: Ein Freizeitkapitän wird auf große Weltreise geschickt. Und natürlich wird erwartet, dass er für die Documenta noch schönere Seltsamkeiten mitbringt als beim letzten Mal. Und damit noch mehr Besucher anlockt.

Vielleicht aber gibt es zumindest zu dieser Documenta-Tradition eine Alternative. Auf der Sydney-Biennale jedenfalls ließ Christov-Bakargiev mehrere Räume einfach leer. In einer vom Konsum geprägten Welt, so sagte sie, sei die Leere ein magisches Erlebnis.