Immer auf der Suche nach Trend und Bedeutung, neigen wir Journalisten dazu, das Aktuelle zur Theorie zu verdichten. Demnach markiere der Überfall auf Bombay/Mumbai ein ganz neues Kapitel in der Geschichte des Terrorismus. Von beängstigender Brillanz sei dieser Schlag gewesen: gleichzeitig gegen zehn Ziele geführt, perfekt koordiniert und virtuos inszeniert. 60 Stunden lang konnten die Terroristen die 19-Millionen-Stadt als Geisel nehmen. Minimaler Aufwand, maximaler Horror – 200 Tote und die Massenmörder mussten nicht einmal Flugzeuge kapern. Ihnen reichten Schlauchboote, Sturmgewehre und Granaten.

Ist dies die neue Qualität des Terrors? Das Neue ist so neu nicht. Ein Simultan-Angriff quer durch die Stadt? 1993 sterben durch 13 Explosionen in Bombay an einem Tag 257 Menschen. 2003 fordert eine Doppelexplosion 52 Menschenleben in Bombay. 2005: drei Simultan-Bomben in Delhi, 59 Tote. 2006: drei Bombenserien in drei Städten mit 270 Opfern. Der koordinierte Tod geht nicht nur in Bombay um – auch in Haiderabad, Guwahati und Moreh (alle 2007). Allein in diesem Jahr sterben 200 Menschen in Simultan-Attacken zwischen Jaipur und der Hightech-Stadt Bangalore.

Diese Aufzählung lehrt vor allem, dass Indien ein leichtes Ziel ist. Nach Madrid (2004) und London (2005) blieb der Westen immun gegen den Terror; der konnte nur an der Peripherie zwischen Bali und Dscherba zuschlagen. Selbst in Israel sind die Terroropfer auf ein Zehntel früherer Jahre gesunken; die westlichen Dienste haben inzwischen einiges im Anti-Terror-Kampf gelernt. Nicht aber in Indien, wo seit 9/11 22 Attacken gezählt werden. Augenzeugen berichten von erschreckender Inkompetenz. Die Nationale Sicherheitsgarde erschien erst zwölf Stunden nach Beginn der Anschläge vor dem Taj- und dem Oberoi-Hotel. Denn in Neu-Delhi gab’s kein Flugzeug, in Bombay keinen Bus!