Meine blutende Stadt. Mein armes, großes, blutendes Herz einer Stadt. Warum verfolgen sie Mumbai? Was hat diese Insel an sich, das religiöse Extremisten abstößt, Hindus wie Muslime? Vielleicht die Tatsache, dass Mumbai für Mammon steht, für profane Träume und für eine Offenheit, die keine Unterschiede kennt.

In Mumbai dreht sich alles um dhanda, um den Umsatz. Vom abgerissenen Imbissverkäufer, der auf dem Bürgersteig hockt und sein kleines Geschäft eifersüchtig bewacht, bis zu den Film-Tycoons und ihren Träumen von der Übernahme Hollywoods: Diese Stadt versteht etwas vom Geld, sie kennt keine Skrupel, es zu verdienen und keine, es auszugeben.

Einmal fragte ich einen Muslim, der in einer Hütte ohne Wasseranschluss lebte, was ihn in dieser Stadt halte. "Mumbai ist ein goldener Singvogel", antwortete er. "Er fliegt schnell und gewitzt, und du musst hart arbeiten, um ihn zu fangen. Aber wenn es dir gelingt, dann eröffnet sich dir ein sagenhafter Reichtum." Die Geschäftsleute im Taj-Mahal-Hotel waren auf der Jagd nach diesem goldenen Singvogel. Die Terroristen wollen den Singvogel töten.

Genauso wie das Kino ein kollektiver Traum der Zuschauer ist, so ist Mumbai ein kollektiver Traum der Völker Südasiens. Bollywoodfilme sind auf dem ganzen Subkontinent die beliebteste Unterhaltungsform. Dank ihrer kennt jeder Pakistaner und jeder Bangladescher die Zuckergussarchitektur des Taj oder den riesigen Bogen des Gateway of India, wohlvertraute Symbole der Stadt, die dieser Industrie ihren Namen gibt. Es ist kein Wunder, dass eine der ersten Amtshandlungen der Taliban nach ihrem Einmarsch in Kabul darin bestand, die Videotheken mit Bollywoodfilmen zu schließen. Die Taliban verboten übrigens – wen wundert’s – auch das Halten von Singvögeln.

Die Traumfabrikanten von Bollywood sind erschüttert. "Ich schäme mich, es zuzugeben", schrieb Amitabh Bachchan, Superstar aus Hunderten von Actionfilmen, in seinem Blog. "Als sich die Terroranschläge vor meinen Augen abspielten, tat ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas, von dem ich gehofft hatte, dass es niemals notwendig werden würde. Ehe ich am Abend zu Bett ging, holte ich meinen lizenzierten Revolver heraus, lud ihn und legte ihn unter mein Kopfkissen."

Mumbai ist ein so genanntes soft target, ein leicht verwundbares Ziel, wie die Terrorismusexperten sagen. Jeder kann dort die Hotels betreten, die Krankenhäuser, die Bahnhöfe und mit einem Maschinengewehr um sich schießen. Wo sind die Metalldetektoren, die Taschenkontrollen?

Es ist unmöglich, die Massen von Mumbai zu kontrollieren. Wenn es in anderen Städten eine Explosion gibt, laufen die Leute davon. In Mumbai laufen sie zusammen – um zu helfen. Der Großraum Mumbai nimmt im Jahr eine Million neue Bewohner auf. Und genau darin liege das Problem, sagen die Gegner der ungehinderten Zuwanderung. Die Stadt sei einfach zu gastfreundlich: Du nimmst die Fremden auf, und sie brechen dir das Herz.