Bis zu meinem 20. Lebensjahr wuchs ich im Kommunismus auf. Alles, was ich bis dahin machte, besaß einen anderen Wert als hier. Ich lernte nie, in Geschäftskategorien zu denken. Manchmal weiß ich daher nicht, was ich mit einer meiner Ideen anfangen soll. In Österreich wird einem das schnell als Schwäche ausgelegt. Ich selbst empfinde es aber gar nicht so, weil ich in Kuba gelernt habe, dass man sich auch auf die Gemeinschaft verlassen darf. Man darf sich dort manchmal auch zurücklehnen.

Meine Familie ist sehr politisch. Mein Großvater und mein Großonkel waren Senatoren des alten Regimes. Mein Vater war Revolutionär. Meine Mutter ist Lehrerin. Sie alle wollten und wollen Dinge verändern. Weil das in der Politik aber so lange dauert, habe ich einen Beruf gesucht, in dem Veränderungen schneller zu erreichen sind. In der Architektur ist das möglich. Als man die Renovierung des alten Havanna in Angriff nahm, schien das nur ein weiteres Tourismusprojekt zu werden. Inzwischen brachte diese Revitalisierung ganz konkrete soziale Auswirkungen. Die Altstadt war übervölkert, die Bausubstanz überbeansprucht und verkommen. Man dachte, mindestens 70 Prozent wären dem Verfall preisgegeben. Doch siehe da, die Renovierung wurde von den Bewohnern gut aufgenommen. Man erkennt schon sehr gut, dass integrierte Nachbarschaften entstehen. Die Bewohner unterstützen das Projekt, und man hat den Eindruck, dass die Altstadt nun wieder den Kubanern gehört, nicht nur den Touristen.

Als ich Kuba vor 15 Jahren verließ, war das noch anders. Alles, was mit Spaß und Vergnügen zu tun hatte, war kompliziert. Mein Leben war, verglichen mit dem anderer Menschen, im Grunde gar nicht so schwierig. Aber für einen jungen Menschen, der unabhängig sein wollte, waren die Verhältnisse deprimierend. Wenn wir in die Disco wollten, brauchten wir einen Ausländer, der uns mitnahm. Wir brauchten einen Ausländer, der in einem für Ausländer bestimmten Supermarkt etwas für uns einkaufte. Wir waren ständig auf jemanden angewiesen, der uns einen Gefallen tat.

Da kam es mir gerade recht, dass ich in Kuba eine Studiengruppe der Wiener Akademie der Bildenden Künste kennenlernte. So wurde es mir möglich, von Kuba aus mein Portfolio für eine Aufnahmeprüfung an die Akademie nach Wien zu übermitteln. Mit dem Wissen, das ich in meiner Studienzeit erwerben konnte, würde ich gerne auch in Kuba bauen. Ein Krankenhaus zum Beispiel, eine psychiatrische Klinik oder einen Kindergarten. Gerade im Sozialbereich ist die europäische Architektur sehr weit fortgeschritten. Da kann der moderne kubanische Funktionalismus nicht mit.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer

Foto: www.ernstschmiederer.com