Plötzlich stehen alle auf. Zuerst der Zentralbetriebsrat, dann die anderen Betriebsräte, schließlich der größte Teil der anwesenden Mitarbeiter. Eine Reihe nach der anderen strömt zum Ausgang des Sendestudios 1 im ORF-Zentrum am Küniglberg. Es herrscht irritierende Stille. Alarmrote Bühnenleuchten irrlichtern im Hintergrund. Soeben hat Gerhard Moser – der Radiojournalist ist der neue Zentralbetriebsrat des ORF – den Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Senders, Alexander Wrabetz, heftig attackiert. Ein »Spiel mit falschen Karten« sei diese Informationsveranstaltung, ebenso wie das gesamte Krisenmanagement des schwer angeschlagenen Medienriesen. Noch bevor Wrabetz, Spitzname Super-Alex, die Bühne betreten und beschwichtigen kann, verlässt die Belegschaft wortlos den Raum, in dem üblicherweise die Talenteshow Starmania aufgezeichnet wird. »Das ist nicht gut gelaufen«, wird Wrabetz später auf Nachfrage einräumen.

Vor fast leeren Reihen verkündet der ORF-General nun, dass sein Sparpaket den Mitarbeitern in allen Abteilungen vor allem Blut, Schweiß und Tränen bescheren wird. Die dramatische Szene, die sich vor zwei Wochen abgespielt hat, fand dennoch ihr Publikum; sie wurde mitgeschnitten und auf DVDs im ganzen Haus verteilt. Einen dieser Datenträger hat die ZEIT zugesteckt bekommen. »Schauen Sie sich das an – so etwas haben Sie überhaupt noch nie gesehen«, sagt ein hoher ORF-Mann.

An diesem Donnerstag soll der ORF-Stiftungsrat in einer ungewissen Abstimmung darüber befinden, ob die Sparpläne umgesetzt werden dürfen: Insgesamt 1000 Angestellte, rund ein Viertel der Belegschaft, sollen abgebaut werden. 250 sollen sofort in die Pension gedrängt werden, weitere 200 will man durch »forcierten Abgang« ermuntern, das Unternehmen zu verlassen. Das Radio-Symphonieorchester, 100 Musiker stark, soll genauso in eine Tochtergesellschaft ausgelagert werden wie die Abteilung für Ausstattung und Teile des Rechtsbüros. Übertragungen von Fußballspielen und Rennen der Formel 1 sollen gestrichen, die Regionalnachrichten gestutzt werden. Die Förderung für den österreichischen Film soll 2010 auslaufen. 25 von rund 100 Führungskräften sollen abgebaut werden. »Als optisches Signal«, sagt Wrabetz. Es sei »der wohl ambitionierteste Anlauf, den ORF ins 21. Jahrhundert bringen«, sagen wohlmeinende Mitarbeiter, von »unfassbaren Grauslichkeiten« spricht der Betriebsrat.

Nächstes Jahr könnten die Verluste sich zu einem Desaster ausweiten

Der ORF, mit 927 Millionen Euro Nettoumsatz auf Rang 84 in der Liste Österreichs größter Unternehmen, ist ein Sanierungsfall. Die Zahlen sind eindeutig. 100 Millionen Euro Verlust färben ihn in diesem Jahr blutrot. Und 2009 wird es nicht wesentlich aufwärtsgehen. Ohne tiefe Eingriffe sei der ORF in vier Jahren insolvent, warnt Wrabetz. Wie konnte es so weit kommen? Viele Jahre lang wies der ORF ein ausgeglichenes Ergebnis vor. 2007 wurde sogar ein Bilanzgewinn von 6,1 Millionen verbucht.

Tatsächlich erwirtschaftet der ORF in seinem Kerngeschäft – also dem Verkauf von Werbezeit und der Ausstrahlung von Programm – schon seit Jahren steigende Verluste, im vergangenen Jahr waren es fast 30 Millionen Euro. Doch der ORF verfügt über enormes Vermögen, das in Wertpapieren veranlagt ist: 419 Millionen Euro waren das 2007. Dieser Aktivposten dient zwar als Rückstellung, etwa für Pensionen oder Abfertigungen, arbeitet aber zwischenzeitlich auf den Finanzmärkten. 32 Millionen verdiente damit der ORF 2007.

Die Finanzkrise hat das schlagartig geändert: Nicht nur, dass heuer mit keinerlei Gewinn aus der Veranlagung zu rechnen ist, der freie Fall mancher Wertpapiere hat das Vermögen angeknabbert. So halte der ORF, nach Angaben eines Managers, auch Papiere der angeschlagenen Immofinanz; vor einem Jahr war eine Aktie noch mehr als 8 Euro wert, zuletzt wurde sie unter 50 Cent gehandelt. »In Einzelpapiere investieren Unternehmen selten, sie bevorzugen wegen der Risikostreuung Fonds«, befinden Wirtschaftsberater über die »seltsame« Veranlagungsstrategie.

Abgesehen von der Baisse im ORF-Portfolio, wird in Krisenzeiten auch weniger geworben, was die Umsätze einbrechen lassen wird. Das ist schon schlimm für 2008, im Jahr darauf können sich die Verluste zu einem Desaster ausweiten.

Wrabetz schlachtet heilige Kühe, die weißen Elefanten lässt er in Ruhe

Trotz dieser finanziellen Ausgangssituation verteidigen die Betriebsräte mit Zähnen und Klauen eine Betriebsstruktur, die sich seit Jahrzehnten jeder Änderung entzieht. Nur Gerhard Zeiler, Generalintendant von 1994 bis 1998, wagte, dieses heiße Eisen anzugreifen. Vor Zeiler konnten ORF-Angestellte nach der »freiwillige Betriebsvereinbarung« genannten Ordnung mit 25 Monatsgehältern Abfertigung und mit einer Betriebspension von 80 Prozent in den Ruhestand gehen. Alle zwei Jahre war ein Biennalsprung fällig, eine volle Anhebung des Gehalts um bis zu fünf Prozent – zusätzlich zu den jährlichen Lohnrunden. Erst mit den Kollektivverträgen 1996 und 2003 wurden diese Privilegien für Neuzugänge deutlich reduziert, aber für rund 600 Angestellte gelten sie noch heute.