Es sind düstere Perspektiven, die Ewald Nowotny, der Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, zu Beginn dieser Woche in Aussicht stellte. Die Ökonomen seines Hauses mussten ihre Prognosen deutlich nach unten korrigieren. Nun prophezeien sie, das österreichische Bruttoinlandsprodukt werde 2009 um 0,3 Prozent schrumpfen und im darauffolgenden Jahr lediglich um bescheidene 0,8 Prozent wachsen. In diesem Zeitraum würden 45.000 neue Arbeitslose das Land belasten – das sind um 20 Prozent mehr als heute.

Selbst dieses bleigraue Zukunftsszenario dürfte noch fast eine Schönwetterprognose sein: Sie beruht auf der optimistischen Annahme, die Wirtschaft in den USA, dem Auslöser der globalen Krise, werde sich so schnell wieder erholen wie allseits erhofft. Allerdings werden in der Autometropole Detroit, einer vom Bankrott belagerten Festung, derzeit bereits Bußgottesdienste abgehalten. Dort lassen die arbeitslosen Gläubigen bullige Benzinfresser vor ihren Kirchen auffahren und flehen den Himmel um neue Hybridautos an, die ihnen zu neuem Fortkommen verhelfen könnten.

In Wien ist es noch nicht ganz so weit. Die Einkaufstempel quollen am vergangenen Marienfeiertag über, die Geschäfte liefen glänzend. Dass Kardinal Christoph Schönborn zur gleichen Zeit eine Lichterprozession durch die Innenstadt führte, fiel in dem Gedränge nicht weiter auf.

Ähnlich unbeschwert ist die Lage in den Wintersportzentren der Alpen. Tausende Schneekanonen legen weiße Teppiche über Hunderte neue Pistenkilometer, die Preise für Liftkarten und Jägertee klettern munter nach oben, und die Unterkünfte sind ausgebucht. Wer möchte da von Krise sprechen, gar um himmlische Hilfe bitten?

Angesichts der neuen Zahlen meinte der Wirtschaftsprofessor Ewald Nowotny, das Land stehe vor einer "beherrschbaren Herausforderung". Diese Einschätzung setzt allerdings voraus, dass im öffentlichen Bewusstsein allmählich ein realistisches Bild der bedrohlichen Situation Oberhand gewänne. Doch sowohl die Regierung als auch deren Wähler verschließen lieber die Augen. Niemand denkt daran, Begehrlichkeiten einzuschränken oder Privilegien abzuschaffen.

Es herrscht der frohgemute Geist der Ära Kreisky, als ein Milliardendefizit dem rechtschaffenen Bürger nicht den Schlaf rauben konnte. Da fordert der ORF Abermillionen vom Staat, um seine Misswirtschaft zu bemänteln , die Pensionistenverbände verlangen einen Zuschuss um den anderen, die Postgewerkschaft kündigt Warnstreiks an, weil sie sich weigert, geänderte Wettbewerbsbedingungen zur Kenntnis zu nehmen, die Krankenkassen verschlingen weiterhin riesige Summen an Nothilfe, ohne irgend etwas an ihren verschwenderischen Strukturen zu ändern. Das alles allein in einer, in dieser Krisenwoche. Kann sein, dass bald auch in Wien Sühneprozessionen in Mode kommen werden.