Napoleon war entschlossen, hart zuzuschlagen. Zunächst hatte er von Preußens König Friedrich Wilhelm III. kategorisch gefordert, den leitenden Minister, den Reichsfreiherrn Karl vom und zum Stein, zu entlassen. Doch als dies Ende November 1808 geschehen war, wollte der Kaiser sich damit nicht begnügen. Am 16. Dezember erließ er einen Befehl: "Der namens Stein, welcher Unruhen in Deutschland zu erregen sucht", sei ein Feind Frankreichs und des Rheinbundes. Er sei zu verhaften, seine Güter seien zu beschlagnahmen.

Der Krieg, den Napoleon so gegen einen einzelnen Mann eröffnete, missfiel selbst seinem Botschafter in Berlin, dem Marquis de Saint-Marsan. Er ließ Stein insgeheim warnen, und der Reichsfreiherr entkam Anfang Januar 1809 über die böhmische Grenze ins Reich der Habsburger.

Es war das Ende der Ära Stein in Preußen – aber noch lange nicht das Ende der Reformen. 14 Monate hatte Stein "regiert", die Zeiten waren schwer.

Als er Anfang Oktober 1807 das Amt des leitenden Ministers übernommen hatte, war Preußen in einer trostlosen Lage gewesen. Den Krieg gegen Frankreich hatte man mit Pauken und Trompeten verloren. Der König hielt sich in Memel im äußersten nordöstlichen Winkel seines Landes auf, wohin er nach dem Debakel von Jena und Auerstedt geflüchtet war. Am 9. Juli 1807 hatte Napoleon ihm den Frieden von Tilsit aufgezwungen, durch den Preußen die Hälfte seines Territoriums und seiner Bewohner verlor. Seitdem hielten französische Truppen das restliche Staatsgebiet mit Ausnahme von Ostpreußen besetzt.

Es gibt kein Zurück in die Zeit vor der Französischen Revolution

Im Verlauf dieses dunklen Jahres 1807 hatte Friedrich Wilhelm begriffen, dass sein Reich ohne tief greifende Reformen nicht zu retten war. Als leitender Minister, der diese Reformen durchführen würde, hatten nur zwei Männer zur Auswahl gestanden: Stein, der zuletzt Finanzminister war, und der frühere Außenminister Karl August Graf von Hardenberg.

Vom Wesen her waren beide grundverschieden. Stein, geboren 1757 in Nassau an der Lahn und seit 1780 in preußischen Diensten, zeigte ein unbändiges Temperament, wollte oft mit dem Kopf durch die Wand und vertrat strenge moralische Auffassungen. Seine Vorstellungen waren teils konservativ, teils liberal. Er hasste die Französische Revolution und ihren (ungetreuen) Erben Napoleon – und er bewunderte die politische Kultur und das Wirtschaftssystem Englands. Auch der sieben Jahre ältere Hardenberg war ein strikter Gegner Napoleons, gleichwohl imponierte ihm dessen zentralistisches Regierungssystem. Der Edelmann aus uraltem niedersächsischem Geschlecht war Diplomat nicht nur von Beruf, sondern auch von Charakter. Er liebte das Leben, ein Homme à Femmes, und steckte oft genug in Schulden.

Friedrich Wilhelm und seine viel verehrte Gemahlin, die Königin Luise, mochten Hardenberg. Sie entschieden sich für ihn. Doch dann kam überraschend ein Veto aus Frankreich. Napoleon wollte Stein, zumal er wusste, dass dessen Verhältnis zu Friedrich Wilhelm nicht das beste war. Der König beugte sich. Ende September traf der Reichsfreiherr in Memel ein, am 3. Oktober 1807 berief ihn der König zu seinem leitenden Minister.

Aber auch Hardenberg selbst war beim Monarchen für Stein eingetreten. Im September hatte er gemeinsam mit den Reformern Karl vom Stein zum Altenstein, Theodor von Schön und Barthold Georg Niebuhr für den König die Rigaer Denkschrift ausgearbeitet, ein groß angelegtes Reformkonzept. Hardenberg und die Seinen hatten begriffen: Es gab kein Zurück in die Zeit vor der Französischen Revolution. Sie hatte die Normen einer Gesellschaft fixiert, die auf bürgerlicher Freiheit und rechtlicher Gleichheit beruht. Wer stur gegen die Ideen von 1789 zu regieren versuchte, dem drohte der Untergang. Es müssten in Preußen, so stand in Hardenbergs Denkschrift zu lesen, "demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung" durchgesetzt werden.