Ein Spaziergang durch die Altstadt von Maastricht ermöglicht zahlreiche Einsichten zur Liberalisierung des Arzneivertriebs: In der Centrum Apotheek mit ihrer wettergegerbten Steinfassade aus dem Jahr 1650 drängeln sich die Patienten. Ein paar Häuser weiter das genaue Gegenteil: Obwohl die nagelneue Mediq-Apotheke mit Ballons, Bonbons, Wellness- und Beauty-Angeboten wirbt, verirrt sich kaum ein Kunde in die Verkaufsräume. Mediq gehört zum Netzwerk des holländischen Pillengroßhändlers OPG, solchen Vertriebsformen war eigentlich eine goldene Zukunft vorausgesagt worden. Es kam anders. Die britische Apothekenkette Boots hat ihr Pilotprojekt in Holland gar schon wieder aufgegeben. Statt mit Pillen, Puder und Pfefferminzdragees ist ihre frühere Schaufensterfront in der Maastrichter Wolfstraat heute mit Hosen und Hängerkleidchen dekoriert.

Ob das die deutschen Apotheker beruhigt? Auf Vergleiche mit den niederländischen reagieren sie eher empfindlich. Zu sehr hat sie DocMorris aus Heerlen verärgert. Erst nutzte der Branchenrebell den Standort direkt hinter der Grenze, um von da aus einen Online-Arznei-Handel aufzuziehen, als es in Deutschland noch gar nicht erlaubt war. Und kaum gab die Bundesregierung den Versandhandel frei, verkündete DocMorris den Aufbau einer Apothekenkette nach holländischem Vorbild.

Schon als DocMorris seine erste deutsche Apotheke erwarb, kam es zum Eklat, denn in Deutschland dürfen das nur Apotheker. Unter Hinweis auf das »Fremdbesitzverbot« ließ die Konkurrenz den Laden schließen. Daraufhin verlieh DocMorris sein Siegel zunächst nur noch via Franchise an formal selbstständige Apotheker – klagte aber gleichzeitig selbst: Hier werde eine holländische Firma in ihrer Niederlassungsfreiheit beschränkt.

So wurde aus dem Branchenzwist ein Streit von europapolitischer Dimension. Seit eineinhalb Jahren brütet der EU-Gerichtshof in Luxemburg über dem Fall. Erste Hinweise auf die Ansichten der europäischen Richter dürfte das Plädoyer des Generalanwalts am kommenden Dienstag geben. Und während die deutsche Apothekerschaft nicht müde wird, vor der »Profitgier« der Ketten und der Gefahr für die Patienten zu warnen, scheint die Berliner Politik nur auf einen Anlass für die Öffnung der zunftartig organisierten Branche zu warten.

Medikamente werden mit dem Fahrrad zum Kunden gebracht

In Holland fand die Liberalisierung schon 1999 statt. Und natürlich fürchteten auch dort die Apotheker die Konkurrenz der Ketten. Konzerne wie OPG, aber auch deutsche Großhändler wie Celesio und Phoenix traten mit dem Ziel an, die Hälfte des Marktes zu erobern. Doch bisher verlief die Expansion eher zäh. Von den knapp 1.900 Apotheken in Holland ist zehn Jahre nach der Liberalisierung gerade mal ein Drittel in der Hand von Ketten.

Der Grund: Die alteingesessenen Pillenhändler begannen ihre Patienten plötzlich intensiv zu umwerben. Jos de Bruyn von der Maastrichter Centrum Apotheek erinnert sich noch gut daran, wie er damals darum kämpfte, ein grünes Apotheken-Kreuz an seiner denkmalgeschützten Barockfassade anbringen zu dürfen. Und es blieb nicht bei Äußerlichkeiten. »1999 haben wir angefangen, Arzneien auszuliefern«, sagt der Apotheker und deutet auf ein Regal – voll mit fertig eingetüteten Pillenpäckchen. Die Patienten bekommen sie – zumeist per Fahrrad – nach Hause gebracht. Geld bekommt er dafür allerdings nicht.