Der Verstoß gegen die kaufmännische Vernunft ist eklatant. Da schaffen es drei große Autobauer über Jahre nicht, sich den veränderten Verbraucherwünschen anzupassen. Ihre Produkte werden immer weniger gekauft. Das Management gönnt sich trotzdem üppige Boni, und die Gewerkschaft glaubt, ignorieren zu können, dass die Konkurrenz im eigenen Land deutlich niedrigere Arbeitskosten hat. Keine Frage, wenn das Geld ausgeht, wäre eine Insolvenz die logische Konsequenz.

Jetzt aber hilft wohl der amerikanische Staat den Autobauern General Motors (GM), Ford Motor Co und Chrysler für die nächsten Monate mit einem Kredit in Höhe von 15 Milliarden Dollar. Und das ist gut so. Denn hätten GM und Chrysler noch vor Weihnachten Insolvenz angemeldet, wäre angesichts des verheerenden konjunkturellen Umfelds eine Kettenreaktion zu erwarten gewesen.

Auch Ford, noch der finanzkräftigste unter den klammen US-Konzernen, hätte sich dem kaum entziehen können. Schon deshalb, weil viele Zulieferer mit ihrer chronisch dünnen Kapitaldecke den Ausfall ihrer größten Abnehmer nicht verkraften würden. Drei Millionen Jobs stehen auf dem Spiel. Und dies vor allem in Regionen im Nordosten der USA, in denen ohnehin schon Hunderttausende Jobs verloren gegangen sind.

Das US-Insolvenzrecht (Chapter 11) eröffnet einem Unternehmen zwar weitgehenden Gläubigerschutz und so die Möglichkeit, mit Kreditgebern oder Gewerkschaften Konditionen und Verträge neu auszuhandeln. Aber in der derzeitigen Verfassung des US-Marktes – im November stürzten die Autoverkäufe um 37 Prozent ab – würden die Konzerne damit wohl das letzte Verbrauchervertrauen zerstören. Derzeit locken Chrysler, Chevrolet, Ford & Co die ihnen verbleibenden Käufer mit Garantien von sechs Jahren und länger. Wer würde einem Pleiteunternehmen so etwas glauben?

Man muss den Gesamtzusammenhang sehen: Mercedes meldet Kurzarbeit an, BMW schließt sein Münchner Stammwerk bis in den Januar hinein, Toyota schickt Tausende Mitarbeiter in bezahlten Sonderurlaub, die VW-Bank nimmt den Schutzschirm den Bundes in Anspruch. Was in den USA anfing, hat mittlerweile alle Weltmärkte erfasst. Kein großer Hersteller kann sich dem Abschwung entziehen. Ein derartiger Absatzeinbruch trifft auch die Erfolgreichsten.

Gut allerdings, dass Gegner und Befürworter der Milliardenhilfe in den USA sich in einem einig sind: Die Kredite dürfen nur unter strengen Auflagen vergeben werden. So müssen die US-Konzerne sich festlegen, wie sie mit überflüssigen Fabrikkapazitäten, erfolglosen Marken und übergroßen Händelernetzen umgehen und zugleich ihre künftigen Modelle ans Spritsparen gewöhnen wollen. Auch die Automobilarbeitergewerkschaft muss schmerzhafte Konzessionen einräumen.

Klar scheint jetzt schon, dass auf die ersten Milliarden vom Staat weitere folgen werden, wenn der gewählte Präsident Barack Obama am 20. Januar sein Amt antritt. Doch diese Milliarden dürfen auf keinen Fall dazu genutzt werden, um die Verkaufspreise der Autos zu subventionieren. Denn eines macht der durch die Hypotheken- und die anschließende Finanzkrise beschleunigte Absatzrückgang deutlich: Der US-Automarkt kann auf Dauer keine 16 bis 17 Millionen neuen Fahrzeuge aufnehmen. Massive, margenzehrende Rabatte und zu geringe Leasingraten haben ihn künstlich aufgebläht. Auch deshalb haben die US-Konzerne schon vor der Krise Milliarden verloren. In diesem Jahr erreicht die Zahl der neu zugelassenen Wagen wohl gut 13 Millionen Autos; 2009 erwarten die Marktforscher deutlich weniger.