In 52 Sekunden offenbart sich das ganze Dilemma von Attac. So lange dauert der Spot zur Bankenkrise, den das globalisierungskritische Netzwerk dieser Tage in vielen Kinos im Vorprogramm zum neuen James Bond laufen lässt. Der Kurzfilm zeigt ein Beratungsgespräch in einer Bank, die sonore Stimme aus dem Off sagt: "Wir wollen nur Ihr Bestes: Ihr Geld." Im Abspann steht vor dem orangefarbenen Attac-Logo die Aufforderung: "Schließen Sie mit uns das Casino."

Es ist ein Satz, den genauso gut Angela Merkel auf dem Washingtoner Weltfinanzgipfel vor einigen Wochen in die staatsmännische Runde hätte werfen können. Oder den Finanzminister Peer Steinbrück, auf die Spekulanten schimpfend, Journalisten in den Block hätte diktieren können. Linken-Fraktionschef Gregor Gysi sowieso. Selbst Erzliberale fordern derzeit stärker regulierte Finanzmärkte und befürworten staatliche Hilfen.

Wenn man so will, ist jetzt genau die Krise eingetreten, vor der Attac seit Langem gewarnt hat. Doch statt Triumphgeheul hört man von den Globalisierungsskeptikern derzeit auffallend wenig. Rückblickend erinnert Attac an Kassandra aus der griechischen Sage, deren Gabe gleichzeitig ein Fluch war. Sie konnte Dinge wahrsagen, nur glaubte ihr niemand. Der Seherin wurde auch dann kein Ruhm zuteil, als sich ihre Prophezeiung bewahrheitete. So ist es auch heute. Attac dringt kaum noch durch. Doch anders als bei der tragischen Kassandra, die am Ende durch einen Dolchstoß starb, sind manche Probleme bei Attac hausgemacht.

Warum hat das Netzwerk so zögerlich auf die Bankenkrise reagiert? "In Finanzmarktfragen sind Attac Kompetenz und Ressourcen abhandengekommen", sagt Attac-Mitgründer Peter Wahl. Wohl auch deshalb, weil die Globalisierungskritiker in den vergangenen Jahren auf jeder Welle mitgeschwommen sind, die die Gemüter bewegt hat. Ob Welthandel, Irakkrieg, Agenda 2010, Gesundheitsreform oder zuletzt die Bahnprivatisierung – die Bewegung hatte zu jedem Thema eine Meinung.

"Attac hat eine Allzuständigkeit beansprucht", sagt der Soziologe Dieter Rucht, selbst Mitglied im wissenschaftlichen Beirat, einem Beratergremium von Attac. Das Resultat: Die Marke droht zu verwässern. Attac sei heute ein "Gemischtwarenladen ohne dezidiertes Profil", urteilt Rucht.

In der breiten Themenpalette finden sich die Anliegen all jener, die bei Attac Zuflucht gesucht haben: Gewerkschafter, Alt-Achtundsechziger, Trotzkisten, Umweltschützer, christliche Friedensgruppen. Das Netzwerk versteht sich als Plattform für knapp hundert Mitgliedsorganisationen. Dazu kommen bundesweit 20250 Einzelmitglieder unterschiedlicher Parteicouleur, darunter Heiner Geißler (CDU), Andrea Nahles (SPD) und Oskar Lafontaine (Die Linke). Ihr gemeinsamer Nenner ist die Kritik am Neoliberalismus. Danach hören die Gemeinsamkeiten meistens auf.

"Die Pluralität macht es schwierig, mit einer Stimme zu sprechen", sagt Ralf Thomas Baus von der Konrad-Adenauer-Stiftung, der mehrere Aufsätze zu Attac veröffentlicht hat. Die Radikalen würden den Kapitalismus wohl am liebsten ganz abschaffen. Die Gemäßigten hingegen wollen ihn reformieren.