Giovanni di Lorenzo: Lieber Herr Schmidt, man muss Sie nicht sehr gut kennen, um zu merken, dass Ihnen die Lawine der Anfragen und Würdigungen vor Ihrem 90. Geburtstag unheimlich ist.

Helmut Schmidt: Auf meine Frau und mich kommt keine Lawine zu – wir haben alle großen Feste abgesagt, ob in Hamburg oder in Berlin. Es wird so sein wie schon seit vielen Jahren: An meinem Geburtstag kommen drei Freunde und die zugehörigen Ehefrauen. Das ist alles.

di Lorenzo: Sie meinen nur den eigentlichen Geburtstag, den 23. Dezember. Die offiziellen Feiern kommen danach.

Schmidt: Ja.

di Lorenzo: Haben Sie es früher als Kind nicht als ungerecht empfunden, einen Tag vor Weihnachten Geburtstag zu haben?

Schmidt: Nein. Aber meine Eltern und die Großfamilie fanden es falsch, und deswegen wurde mein Geburtstag gemeinsam mit dem meines Bruders Wolfgang im Juni gefeiert. In der Praxis sah das so aus, dass ich zweimal etwas geschenkt bekam.

di Lorenzo: Können Sie sich an ein besonders schönes Geschenk erinnern, das Sie als Kind bekommen haben?

Schmidt: Nein.

di Lorenzo: Gab es überhaupt welche?

Schmidt: Kleine Geschenke, ja. Für größere reichte das Geld nicht.

di Lorenzo: Dieses Jahr feiern Sie ja nun einen ungewöhnlichen Geburtstag. Gibt es etwas, worauf Sie sich wenigstens ein bisschen freuen?

Schmidt: Nein.

di Lorenzo: Auch nicht über die enorme mediale Würdigung und Aufmerksamkeit, die Sie erfahren?

Schmidt: Das ist zugleich eine Last. Die Medien wollen Interviews, und mir wäre es eigentlich lieber, zufrieden gelassen zu werden. Es ist mir jetzt schon zu viel.

di Lorenzo: Aber Sie waren gerade bei Beckmann in der ARD, warum reden Sie besonders gern mit Beckmann?

Schmidt: Das hat sich so ergeben, es hat keine besonderen Gründe.

di Lorenzo: Freut es Sie auch nicht, dass Sie mit Außer Dienst seit einiger Zeit auf Platz eins der Spiegel- Bestsellerliste stehen?

Schmidt: Dagegen habe ich nichts. Aber gefreut hat mich, dass zugleich Loki Schmidt draufsteht.

di Lorenzo: Haben Sie Ihr Buch mit Bedacht zu Ihrem 90. Geburtstag geschrieben?

Schmidt: Nein, das hat sich zufällig so ergeben. Ursprünglich sollte das Buch schon ein Jahr früher herauskommen, aber es war noch nicht fertig.

di Lorenzo: Als Autor kann man doch eigentlich nicht viel mehr er-reichen.

Schmidt: Man kann viel mehr erreichen!

di Lorenzo: Was denn?

Schmidt: Zum Beispiel einen Nobelpreis (lacht).

di Lorenzo: Hätten Sie den gern bekommen?

Schmidt: Nein, es gibt keinen Grund, mir irgendeinen Preis zu verleihen.

di Lorenzo: Wünschen Sie sich überhaupt etwas zum Geburtstag?

Schmidt: Ja, zufrieden gelassen zu werden.

di Lorenzo: Dieser Wunsch wird ja nicht in Erfüllung gehen.

Schmidt: Vielleicht zu eurer Überraschung doch!

di Lorenzo: Wissen Sie, was Loki Ihnen schenken wird?

Schmidt: Ich nehme an, eine rote Rose.

di Lorenzo: Ist das Tradition bei Ihnen?

Schmidt: Ja.

di Lorenzo: Und was bekommt sie von Ihnen?

Schmidt: So etwas Ähnliches (lacht).

di Lorenzo: Es gibt bestimmt viele Menschen, die Ihnen etwas schenken möchten. Würden Sie das lieber in eine Spende umgeleitet wissen, zum Beispiel für Ihre Stiftung?

Schmidt: Das wäre in Ordnung.

di Lorenzo: Darf man Ihnen Gesundheit wünschen?

Schmidt: Ja sicher, wenngleich in diesem Alter eigentlich niemand mehr gesund sein kann. Wir wollen mal so sagen: Wünschenswert ist Schmerzfreiheit.