Das Schöne an Büchern ist, dass es vergleichsweise lange dauert, sie zu schreiben. Deshalb ist es gerade jetzt so herrlich, sich in Buchhandlungen aufzuhalten: Erstens gibt es noch keine aktuellen Titel zur Finanzkrise, man kann also verschnaufen von all den Untergangsszenarien und recycelten Rettungsvorschlägen, mit denen die schnelleren Medien uns Tag für Tag bombardieren. Und zweitens kann man die Weihnachtseinkäufe erledigen.

Dass die tatsächlich stattfinden, ist wichtig, denn ohne Konsum bricht unser Wirtschaftssystem zusammen – insofern ist der Konsumgutschein eine richtige Idee. Ihn im Buchladen umzusetzen wäre noch richtiger: Nach einer neuen Studie der Stiftung Lesen gibt fast die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen in Deutschland zu Protokoll, als Kind nie (!) ein Buch geschenkt bekommen zu haben. Das könnte ein Symptom für noch Schlimmeres als eine Finanzkrise sein.

An einem politischen Großtrend kommt der Leser in dieser aufgewühlten Vorweihnachtszeit kaum vorbei: Helmut Schmidt. Auf dessen 90. Geburtstag am 23. Dezember bereiten Sondertische mit eigenen Werken , mit Bildbänden, Kalendern und vielen, vielen Biografien vor – aber ZEIT- Leser finden alles Bedeutsame über den Herausgeber ohnehin in zwei Sonderheften, die dieser und der nächsten Ausgabe beiliegen.

Auch ein zweiter Buchtrend verspricht interessant zu werden: Es geht, mit einer neuen Diskussionsqualität, um Demokratie. Es geht um die Frage, ob wir Bürger uns in unverantwortlicher Weise vom politischen System abwenden: weil Verdrossenheit wohlfeil und bequem ist und viel weniger anstrengend als Engagement. Ganz und gar nicht dieser Meinung sind natürlich Hans Herbert von Arnim (Die Deutschlandakte. Was Politiker und Wirtschaftsbosse unserem Land antun) und die Autoren zahlreicher ähnlicher "Jetzt reichts!"-Bücher. Sehr aufrecht dagegen hält SPD-Chef Franz Müntefering in Macht Politik! "Demokratie ist kein Konsumartikel", schreibt Müntefering, "und Parteien sind nicht dazu da, jemandem etwas zu bieten. Ein Teil der Kritik an Parteien kommt von Leuten, die sich dafür zu fein sind und ›sich die Hände nicht schmutzig machen‹ wollen. Die alles besser wissen, aber nicht mit ihrer Zeit und ihrem Engagement dafür einstehen wollen."

Überraschende Unterstützung findet der SPD-Vorsitzende ausgerechnet bei Nikolaus Blome, dem Leiter des Hauptstadtbüros der auch nicht immer ganz unverdrossenen Bild- Zeitung. "Der Wähler verlangt hochprofessionelle Arbeit im Parlament, aber er verachtet ›Berufspolitiker‹", schreibt Blome in einer wirklich wunderbaren Publikumsbeschimpfung (Faul, korrupt und machtbesessen? Warum Politiker besser sind als ihr Ruf). "Der Wähler will, dass ›sein‹ Abgeordneter seine Interessen durchsetzt, aber er hält ›Machtpolitik‹ für ein schmutziges Geschäft. Er will Reformen, aber keine, die sein Leben nennenswert verändern. Er will, dass nicht alles öffentlich zerredet wird, aber wittert überall Verschwörung und Hinterlist. Er verlangt, dass alle Klartext reden, will aber die Wahrheit nicht hören." Mit Blomes Buch unterm Christbaum lässt sich vermutlich die eine oder andere Familienfeier sprengen.

Großtrend Nummer drei vor Weihnachten und vor seiner Amtseinführung im Januar ist Barack Obama. Sein Buch Ein amerikanischer Traum ist vor allem deshalb so interessant, weil der Autor es versteht, sein Leben und seine Politik als packende Erzählung zu präsentieren. Spannend selbst für Verdrossene – bis hin zu den komplexen Manövern, die Obama in seiner Zeit als Sozialarbeiter in Chicago vollziehen musste, um kirchliche Freiwillige, staatliche Quartiersmanager, Vertreter der Arbeitsverwaltung und Geschäftsleute an einen Tisch zu bekommen, um abrutschende Stadtviertel zu retten. In einem solchen Erzählstil erscheint Politik plötzlich gar nicht kleinlich und schäbig, sondern wichtig und nötig. Und wie es vielen angelsächsisch geprägten Politikern offenbar gegeben ist, besonders anregend über ihre Arbeit zu schreiben, so vermögen es angelsächsische Autoren auch besser als ihre deutschen Kollegen, brisante politische Themen in ihren Romanen zu behandeln, ohne dass daraus gleich Schulfunk wird.

Wer sich wie Obama für die soziale Abwärtsspirale in den Ghettos interessiert, kann dazu enorm Kluges nicht nur bei ihm selbst lesen, sondern auch in einem Roman der Krimiautorin Elizabeth George: Am Ende war die Tat. George, die sonst eher für konfektionierte Kriminalromane bekannt ist, erzählt hier mit Einfühlungsvermögen aus der Welt des zwölfjährigen schwarzen Jungen Joel, der – trotz aller Bemühungen einer wohlmeinenden Sozialbürokratie – in der britischen Gesellschaft von Anfang an nicht die geringste Chance hat. Für Menschen wie ihn, das ist die bittere Bilanz des Buches, gibt es im westlichen Gesellschaftssystem weder Platz noch Bedarf.