Auf dem Bahnsteig herrscht Hochbetrieb. Reisende mit Rucksack und Rollkoffer hasten vorüber oder drängeln sich vor dem Kiosk mit den heißen Getränken. Ein paar Frauen wischen sich Schneeflocken von den Mänteln und schütteln ihre Haare aus. Am Ende von Gleis 8 des Hamburger Hauptbahnhofs wartet Jens. Hier, unter dem Schild für den Abschnitt A, ist es ruhiger, hier trifft er sich mit seinen Mitfahrern. Ein Mann und zwei Frauen stehen bereits neben ihm, die dritte fehlt noch. Jens lässt seine Blicke über den Bahnsteig schweifen. Es wäre ärgerlich, wenn die Frau nicht käme, sagt Jens, "dann gehen mir 15 Euro verloren".

Jens hat eine Monatsstreckenkarte der Deutschen Bahn. Mit dem Ticket darf er an Samstagen vier Begleiter kostenlos mitnehmen – Familienmitglieder oder ein paar Freunde, so dachte man es sich bei der Bahn. Aber Jens ist eine andere Nutzung eingefallen: Er reist mit Fremden und nimmt dafür Geld. "Einen netten Nebenverdienst" nennt er das. Sein Angebot inseriert er bei mitfahrgelegenheit.de, einem Internetportal, in dem normalerweise Anzeigen für Autofahrgemeinschaften stehen. Neuerdings aber sind hier reihenweise Bahnmitfahrten zu finden. Die Geschäftsidee, mittlerweile als "Monatskarten-Schlepperei" bekannt, interessiert jetzt auch Bahn und Polizei.

Keine Strecke ist für das Mitfahrmodell so geeignet wie die ICE-Verbindung von Hamburg nach Berlin. Sie dauert nur knapp 90 Minuten. Der Ticketbesitzer hat eine Viertelstunde Aufenthalt, dann kann er Reisende in die Gegenrichtung mitnehmen. Manche Anbieter fahren neunmal pro Samstag hin und her. So können die Monatskarten-Schlepper bis zu 720 Euro pro Tag einnehmen. Aufs Jahr gerechnet, ließen sich so bis zu 20000 Euro verdienen. Wer samstags kurz vor Abfahrt eines ICEs auf dem Hamburger oder Berliner Hauptbahnhof das Gleis entlanggeht, begegnet vielen suchenden Blicken: von Fahrern, die auf ihre Gruppe warten – oder von Mitfahrern, die nicht wissen, wer der vielen Anbieter für sie zuständig ist.

Auf dem Abschnitt A ist jetzt die letzte Mitfahrerin eingetroffen: Pia, die mit wehendem Schal und rot gefrorener Nase zu ihrer Gruppe eilt. Die fünf Reisenden steigen in den Zug. Jens führt seine Gruppe zum Wagen hinter dem Bordrestaurant. "Dort gibt es meistens freie Plätze, weil die für bahncomfort-Kunden freigehalten sind. Da kommt aber oft keiner." Auch dieses Mal finden alle fünf einen Sitzplatz. Sie hieven ihre Rucksäcke auf die Gepäckablage und holen Zeitschriften heraus.

"Das ist meine erste Fahrt mit einem ICE", sagt Pia. "Die Bahn ist sonst für mich unbezahlbar." Die 25-Jährige studiert in Hamburg, ihr Freund lebt in Berlin. Seit zwei Jahren pendelt sie, meist mit der Mitfahrzentrale oder per Anhalter. Heute hat Pia den ganzen Tag gejobbt, sie hat Bioäpfel auf dem Markt verkauft – und sich dann spontan bei Jens angemeldet. "Ich habe gerade acht Stunden in der Kälte gestanden, da hatte ich keine Lust zu trampen."

Die anderen staunen, dass Pia sonst alleine an Autobahnen steht und den Daumen raushält. "Mir wäre das zu gefährlich", sagt die Mitfahrerin Maxi. Vor allem Frauen zögen es vor, den Zug zu nehmen, sagt auch Jens. "Ich habe zu 80 Prozent Mitfahrerinnen. Sie fühlen sich im Zug sicherer, weil sie nicht allein mit irgendwelchen Typen unterwegs sind."

Vor dem Fenster ziehen jetzt Bäume und Häuser vorbei. Maxi reicht Schokolade und Kekse herum. Pia legt die Füße hoch und lehnt den Kopf gegen das Fenster. Als sich der Schaffner nähert, bittet Jens die Mitfahrer, zu sagen, dass sie für die Reise nichts bezahlen. Er selbst kassiert erst nach der Kontrolle.