Das warme Licht der Kronleuchter spiegelt sich im Tafelsilber. Herren im Smoking und Damen in Designerroben stochern in Birnentörtchen mit New Yorker Blauschimmelkäse, Walnusspesto und Sherrygelee herum. Sie sollen sich feiern, denn hier im Ballsaal des Plaza Hotels an der Fifth Avenue in Manhattan wird an diesem Abend die Auszeichnung "Banker of the Year" verliehen. In besseren Zeiten bejubelten Klatschspalten den Preis als "Oscar der Banker", in Zeiten der Finanzkrise fallen die Vorschusslorbeeren geringer aus. So ätzte etwa die New York Times kürzlich: Den Banker des Jahres auszuzeichnen sei so, wie einem Soldaten der britischen Armee mitten im amerikanischen Revolutionsjahr 1776 einen Orden zu verleihen.

Gastgeber David Longobardi, der Chefredakteur der Branchenpostille American Banker, zieht seine Gala trotzdem durch. Und bald tritt die Festrednerin ans Rednerpult, Sheila Bair, ehemals Finanzprofessorin und heute Chefin des amerikanischen Einlagensicherungsfonds FDIC. Ein Zugeständnis an die neuen Zeiten wohl, denn bis zur Finanzkrise hatte vermutlich kein Banker diese Behörde beachtet. Doch in den vergangenen Monaten half die Mittfünfzigerin mit, mehr als 20 Banken aufzufangen oder abzuwickeln.

Bair gibt zum Besten, dass einige Fans sie via E-Mail zur "Jeanne d’Arc der amerikanischen Wirtschaft" ernannt hätten. Sie habe auch schon den Heiratsantrag eines Bankers erhalten, der sich von ihrem Krisenmanagement beeindruckt gezeigt habe. Höfliches Lachen für die Aufseherin. Das Publikum ist beim Rinderfilet in dreierlei Pfefferkruste und Gruyère-Kartoffelpüree an herbstlichen Kürbisgemüsen mit Cognacsauce angekommen. Bair redet den Anwesenden ins Gewissen und ermahnt sie, sich das Vertrauen ihrer Kunden zu erhalten.

Die Sponsoren sind der Preisverleihung treu geblieben. Zu ihnen gehören die Deutsche Bank und die Buchprüfungsfirma PriceWaterhouseCoopers, die an der Wall Street früher gerne mal als ein Haufen von Erbsenzählern verunglimpft wurde. Allerdings leidet auch der Gastgeber American Banker unter dem Höllenjahr an der Wall Street. "Mit jeder Bankenfusion fallen bei uns Abonnenten weg", ist bei dem Unternehmen zu erfahren, ganz zu schweigen von den Bankenschließungen. 20 Stellen seien schon gestrichen worden.

Doch bloß nicht zu viel schlechte Laune jetzt, der Hauptgewinner trifft ein. Er darf sich künftig "Banker des Jahres" nennen. Leicht verspätet, umringt von Sicherheitsleuten, erklimmt Kenneth Lewis das Podium. Er ist Vorstandschef der Bank of America und direkt aus seinem Heimatstaat eingetroffen, North Carolina. Der liegt 800 Kilometer von Manhattan entfernt. Aber Lewis ist heute der Chef der größten Bank der Vereinigten Staaten. Einer ehemaligen Provinzbank, die über die Jahre mehr als 3000 andere Banken geschluckt hat. Im September übernahm die Bank of America sogar die Investmentbank Merrill Lynch. Ausgerechnet Merrill Lynch, eines der führenden fünf Häuser der Wall Street, das einen angriffslustigen Bullen als Logo führt.

Gastgeber Longobardi spricht jetzt davon, dass diese riesige Übernahme letztlich eine Hilfsaktion im öffentlichen Interesse gewesen sei. Dabei sei es Lewis gleichzeitig gelungen, "Wettbewerbsvorteile in Krisenzeiten zu sichern", lobt er. Lewis sagt, er habe hier eigentlich nur kurz Danke sagen wollen. Im Übrigen gebe es "keinen Grund, zu feiern". Die Galagäste sollten sich besser damit abfinden, künftig eine kleinere Rolle in der Volkswirtschaft zu spielen.

Als Lewis fertig ist, streben die Prominenten der Finanzszene zum Ausgang, wo ihre schweren schwarzen Limousinen warten. Die restlichen Gäste naschen in der Lobby Pralinés und Erdbeeren von silbernen Tabletts. Zum Abschluss gibt es ein Dankeschön-Geschenk, wie es bei solchen Veranstaltungen üblich ist. Es ist ein grün gebundener American Banker-Jahreskalender. Die Goldkante habe man sich diesmal gespart, heißt es auf einem beiliegenden Zettel, weil sie nicht "biologisch abbaubar" sei. Die Ausgabe für das Jahr 2009 zeichne sich deshalb durch "Eleganz ohne Reue" aus.