Natürlich kann Sabine Iffarth jede Menge guter Gründe nennen, warum Ostdeutschlands Schulen so erfolgreich sind. Dass fast jedes Kind in den Kindergarten gehe, zum Beispiel. Dass Ganztagsschulen schon zu DDR-Zeiten Normalität gewesen seien. Oder auch, dass die politische Wende sie und ihre Kollegen dazu bewegt habe, sich auf neue Unterrichtsmethoden einzulassen. "Stimmt irgendwie alles", sagt Sabine Iffarth nachdenklich. "Doch wenn ich ehrlich bin: So ganz erklären kann ich es auch nicht."

Iffarth ist die kommissarische Schulleiterin der Europaschule Jacob-und-Wilhelm-Grimm in Erfurt, mit über 400 Schülern eine der größten Grundschulen Thüringens. So wie ihr geht es vielen Lehrern in den neuen Ländern. Mit Staunen haben sie kürzlich vernommen, dass es Sachsen auf Platz eins im Pisa-Ländervergleich geschafft hat, und schon kommt die nächste Traumnachricht: Nirgendwo sonst in Deutschland können Grundschüler laut der Iglu-Studie so gut lesen wie in Thüringen, weltweit liegen noch Russland und Hongkong vor dem Freistaat. Zudem fallen nur 7 Prozent der Thüringer Schüler in die Gruppe der Schlechtleser, auch das ist national wie international Spitze. Was passiert da im Osten der Republik, dass selbst die erfolgreichen Lehrer es nur zum Teil verstehen?

Im ersten Stock der Erfurter Europaschule sitzen Dennis und Melissa vor dem Computer. Ein Mausklick, und der rote Sportflitzer auf der Mattscheibe beschleunigt auf 80 Stundenkilometer. Dennis beobachtet mit zusammengekniffenen Augen, wie der Ferrari von links nach rechts durchs Bild rast. Da, für den Bruchteil einer Sekunde blitzt in den Seitenscheiben ein Satz auf: "Er stellt die Briefe zu." Schon ist der Wagen wieder weg, und Dennis muss die Antwort wählen: Affe, Polizist – oder Briefträger. Sofort klickt Dennis den Briefträger an.

Früher war auch in Erfurt Frontalunterricht angesagt, heute besteht der Stundenplan zur Hälfte aus projektorientiertem Unterricht und Freiarbeitsphasen, in denen die Kinder selbstständig ihre Aufgaben für die Woche abarbeiten. Bevor sie die Lehrer fragen, sollen sie sich gegenseitig helfen, auch aus diesem Grund sollen die Klassenstufen eins und zwei die Hälfte der Zeit in gemischten Gruppen unterrichtet werden. In den verbleibenden Stunden versuchen die Lehrer, möglichst oft Erzieher mit in die Klasse zu nehmen, die Kinder mit Schwierigkeiten gezielt unterstützen sollen. Individuelle Förderung sei dabei keine Frage der Schülerzahl, betont Sabine Iffarth: An der wegen ihres Sprachangebots ab Stufe eins äußerst beliebten Europaschule gehen im Schnitt 25 Kinder in eine Klasse. Ansonsten gelten die Klassengrößen in den neuen Ländern aufgrund des Schülerschwundes als besonders günstig – und werden von westdeutschen Kultusministern hinter vorgehaltener Hand als ein Grund für den ostdeutschen Erfolg angeführt.

Der Thüringer Kultus-Staatssekretär Kjell Eberhardt glaubt auch, dass der extreme Geburtenrückgang eine positive Wirkung gehabt hat, aber anders: "Durch die demografische Entwicklung mussten die Schulen eine große Bereitschaft an den Tag legen, sich neuen Konzepten zu öffnen. Dazu passt auch, dass die Schulpolitik ihnen großen Freiraum gibt, eigene Schwerpunkte zu entwickeln." Helfen soll ihnen dabei der neue Thüringer Bildungsplan für Kinder bis 10 Jahre, der Lerninhalte neu definiert und "von den Bedürfnissen des Kindes her gedacht ist", wie Eberhardt betont. Hat also der Veränderungsdruck die Schulen im Osten so stark gemacht? Eberhardts westdeutsche Kollegen wiederum verweisen in Sachen Demografie eher auf den geringen Anteil an Einwandererkindern in den neuen Ländern. Auch an der Europaschule kommen nur eine Handvoll Schüler aus Familien, in denen Deutsch nicht Muttersprache ist. Doch der Grundschulforscher Hans Brügelmann winkt ab: "Zwischen Einheimischen und Einwanderern besteht bei gleichem Bildungsstand und gleicher sozialer Lage fast kein Unterschied. Einwanderer fallen nur besonders oft in die Gruppe der Unterprivilegierten. Sprachförderung braucht aber auch die deutsche Unterschicht."

Der Siegener Forscher legt noch auf eine andere Feststellung großen Wert: Alle pädagogischen Tricks wie Leistungsorientierung oder klare Festsetzung von Regeln und Grenzen, die sie in Erfurt und anderswo in Thüringen praktizieren, beherrschen die Lehrer an Tausenden Schulen überall im Land, in Nordrhein-Westfalen, in Bremen oder in Bayern. "Darum halte ich wenig von pauschalen Ranglisten." Von Thüringen oder Sachsen lernen heiße nicht einfach übernehmen, sondern nachdenken, sich inspirieren lassen. Das gelte genauso in der Gegenrichtung. "Viele Thüringer können auch von manchen Bremern noch etwas abgucken."