Den amerikanischen Weg kann man den Deutschen wirklich nicht empfehlen. In den vergangenen acht Jahren hat die Regierung von George W. Bush das eigene Land systematisch in eine politische Isolation getrieben, aus der Barack Obama es nun mühsam zu befreien versucht. So weit darf es bei uns auf keinen Fall kommen. Auf der anderen Seite: Wo liegt die Grenze zwischen Souveränität und Isolation? Muss man gleich erschrocken "Huch" schreien und die Bundesregierung zum Einlenken auffordern, wenn Franzosen und Briten Deutschland bei einem internationalen Thema "isoliert" nennen?

In dieser Woche trafen sich Franzosen und Briten samt EU-Kommissionspräsident Barroso in London, um über Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise zu beraten. Beziehungsweise, um zu zeigen, wie allein die Deutschen dabei sind. Die Financial Times meldete nach dem Gipfel sogleich Vollzug: "Deutschland scheint isoliert." Quod erat demonstrandum.

Um den Affront von London zu verstehen und die Bedeutung dieser Isolationsvorführung bewerten zu können, muss man zunächst fragen, worum es überhaupt geht. In erster Linie um ganz normale Interessen – darum, wer welchen Beitrag dazu leistet, die Wucht der Wirtschaftskrise zu mildern. Franzosen und Briten haben ein großes Interesse daran, dass Deutschland als stärkste Volkswirtschaft die Konjunktur-Lokomotive für Europa spielt. Darum drängen sie die Bundesregierung, möglichst rasch möglichst viele Schulden zu machen. Denn – so das Kalkül – von einer besseren Konjunktur profitieren alle sofort, die Schulden zahlt später jeder allein zurück.

Natürlich ist es absolut legitim, dass Franzosen und Briten das deutsche Konjunkturprogramm zu klein finden. Tatsache ist jedoch: Der Unterschied zwischen dem deutschen und dem französischen Konjunkturprogramm besteht nicht in der Summe (die ist in etwa gleich), sondern darin, dass die Deutschen das ihre schon verabschiedet haben, die Franzosen aber nicht. Der Präsident Sarkozy zugeschriebene Satz, Deutschland denke, Frankreich handele, könnte auch zurückgegeben werden: Frankreich redet, Deutschland handelt.

Davon abgesehen, ist eben auch legitim, wenn die Bundesregierung ebenfalls ihre Interessen vertritt. Dabei geht es nicht allein um die Frage, wer wann wie viel zahlt. Vielmehr muss die deutsche Regierung darauf achten, dass sie das Richtige tut, also das, was die Bundesbürger dazu bewegen könnte, tatsächlich wieder mehr Geld auszugeben.

Hier jedoch gibt es eine nationale Besonderheit, die man gut finden kann oder schlecht, die sich aber nicht so einfach verändern lässt. Die Deutschen haben aufgrund ihrer historischen Erfahrungen mit Inflation und Zusammenbruch wie wegen ihrer eher vorsichtigen Mentalität einen größeren Vorbehalt gegen Schuldenmachen als, beispielsweise, die Amerikaner. Es kann also gut sein, dass ein rasch verabschiedetes, schuldenfinanziertes Konjunkturpaket die Deutschen dazu veranlasst, weniger Geld auszugeben statt mehr.

Alle, die jetzt ein zweites Konjunkturpaket verlangen, sollten einen Augenblick überlegen, warum die zögerliche Kanzlerin und ihr sturer Finanzminister in den Umfragen derzeit so furchtbar beliebt sind. Könnte es sein, dass die Deutschen richtig finden, was die beiden machen? Könnte es nicht zweitens so sein, dass, wenn die Deutschen Schuldenmachen nicht gut finden, Schuldenmachen sie nicht ermutigt, sondern lähmt?