Als Kind hatte ich jeden Winter unzählige Stunden auf der Couch verbracht, unter einer warmen Decke, umgeben von Medikamentenfläschchen, mit einem Fieberthermometer unterm Arm. Draußen schneite es meist, und es war furchtbar langweilig. In diesen Stunden lernte ich die Plattensammlung meiner Eltern auswendig. Ich durfte den Plattenspieler selber bedienen und konnte italienische Schlager und französische Chansons bald wortgetreu mitsingen, ohne auch nur zu ahnen, worum es darin eigentlich ging. Je weniger ich von einer Platte verstand, desto schöner fand ich sie.

Eine war darunter, die ließ mich völlig verstört zurück. Sie war höchst unverständlich und trotzdem nicht schön. Wovon sie handelte, habe ich erst sehr viel später rausgekriegt. Damals war nur klar, dass auf keiner anderen Platte so bombastisch gelitten und so unglücklich gesungen wurde. Trotzdem legte ich sie immer wieder auf und lauschte den Chören und den Soli: "Meine Seele ist so furchtbar ermüdet" – "Du dummer, sechzehnjähriger Engel" – "Hast du, Gärtner des Grafen, denn gar keine Mittel gegen fremde Blumen?".

Damals war ich fünf und wusste mit dem Begriff "Rockoper" nichts anzufangen. Ich hatte keine Ahnung von Synthesizern, Chorälen und Liturgien und auch nicht davon, was an Junona i Avos, deutsch Juno und Avos, übrigens fast zeitgleich mit mir entstanden, so revolutionär und ergreifend war. Der Inhalt hörte sich ungefähr so an: Ein Mann verliebt sich erst in eine Ikone, dann, während einer Weltreise, in eine minderjährige spanischstämmige Kalifornierin… und weiter? Beides darf so nicht sein. Jedenfalls muss der Held wieder weg und seine Geliebte zurücklassen. Sie möchte, dass er sie mitnimmt, er hat Gründe, die dagegen sprechen. Es wird darüber gesungen, dass eine verheiratete Gräfin fremdgeht und dafür erschossen wird und dass weiße Blüten in ihren toten Händen sich blutrot färben. Ich schaffte es jedenfalls nicht, die Nadel wieder von der Schallplatte zu nehmen, bevor nicht zu Ende gelitten wurde: "Ich werde dich niemals wiedersehen, ich werde dich niemals vergessen." Denn natürlich kommt ER nie wieder, was SIE erst nach 35 Jahren erfährt. Schon damals fand ich das eine Schweinerei.

Jahrzehnte später hatte ich mich dabei ertappt, dass ich das Lied von den blutroten Blüten in den toten Gräfinnenhänden plötzlich beim Autofahren sang. Ich telefonierte mit meiner Mutter, die Expertin ist für die russische Seite in mir. Sie erklärte mir endlich die Platte, die mir so fiebrige Albträume beschert hatte – bisschen spät, aber immerhin. Sie erzählte, dass diese Rockoper mit mittelalterlichen und vielen anderen Motiven nur so vollgestopft war. Die Seefahrer, die Entdeckung Amerikas, und so fand auch die sündhafte Liebe eines russischen Abenteurers zu einer Ikone ihre Deutung.

Inzwischen habe ich Junona i Avos auf CD, in einer Aufnahme von 2002. Die einst magischen Wörter Conchita, Alaska und San Francisco klingen für mich längst nicht mehr fremd. Wenn ich diese CD einlege, kriege ich trotzdem nach wenigen Sekunden eine Gänsehaut. Und lege die Scheibe nach diesen Sekunden rasch wieder zurück ins Regal. Meine persönliche Aufnahme, herzzerreißender denn je, spielt in meinem Kopf verlässlich weiter.

Alexander Rybnikow: Junona i Avos, Sony Music