Schon im Mittelalter verzichtete man darauf, Verbrecher, die nicht Herr ihrer Sinne waren, zu bestrafen. Dafür, dass von "verrückten" Straftätern kein weiterer Schaden ausging, war dann deren Familie oder Vormund verantwortlich. So lebten unzurechnungsfähige Straftäter bei ihren Angehörigen, die sie nicht selten einsperrten oder in Ketten legten. Hatten die Kranken keine Familie, war es die Gemeinde, die sie in Turmkammern oder Gefängnisse sperrte. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden dann Hospitäler und Tollhäuser gegründet, in denen von Epileptikern und Depressionskranken bis zu schizophrenen Mördern alle psychisch Auffälligen untergebracht und streng erzogen wurden. (Foto: Szene aus dem berühmt-berüchtigten Londoner Irrenhaus Bedlam aus dem 17. Jahrhundert.)

Der psychiatrische Maßregelvollzug für kranke Straftäter, wie wir ihn kennen, basiert in Deutschland auf dem am 24. November 1933 von der nationalsozialistischen Reichsregierung erlassenen "Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung". Allerdings ist es kein klassisches Nazi-Gesetz. Vorausgegangen waren jahrzehntelange parteiübergreifende Diskussionen über die Sicherung gefährlich erscheinender psychisch Kranker: Auf der einen Seite forderten Juristen, die Öffentlichkeit müsse besser vor aggressiven Geisteskranken geschützt werden, auf der anderen Seite standen die an Liberalisierung interessierten Kliniken, die eine "Vermischung von irren Verbrechern, von Mördern, Einbrechern, Straßenräubern und so weiter mit schuldlosen Kranken" nicht länger hinnehmen mochten. Der Maßregelvollzug entsprang also nicht besonderer Anteilnahme an straffällig gewordenen psychisch Kranken – es ging um die sichere Verwahrung und Ausgrenzung dieser Patientengruppe.

Nach langjähriger Beratung entschloss sich auch der bundesdeutsche Gesetzgeber zu einer Beibehaltung des Maßregelsystems, das schließlich im Kern in die heute geltende Strafgesetzgebung übernommen wurde (später änderte man die Wortwahl und die Überprüfungsintervalle für die Unterbringung). Um aber zu verhindern, dass Personen schon aus geringfügigem Anlass untergebracht würden – was in der Vergangenheit häufig der Fall gewesen war –, wurde im Strafgesetzbuch dem Unterbringungsparagrafen 63 der Paragraf 62 vorangestellt, der vorschreibt, dass die Unterbringung in einem angemessenen Verhältnis zum Ausmaß der öffentlichen Gefährdung zu stehen habe. Sabine Rückert