Die Mitglieder des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS), die Helmut Schmidt am 28. Oktober 1977 in der holzgetäfelten Assembly Hall of Electrical Engineers am Londoner Embankment lauschten, erfuhren nichts von Nachrüstung, Doppelbeschluss, SS-20- und Pershing-Raketen. Erst durch das Echo, das die Rede in Washington fand, wurde sie zum Anstoß für die Kontroversen, die auf Jahre die deutsche Politik in Richtung Osten und Westen sowie die Debatte in der Bundesrepublik bestimmen sollten und an denen schließlich die Regierung Schmidt zerbrach.

Das Hauptaugenmerk von Schmidts Londoner Vortrag – das hatte ich als damaliger Direktor des IISS beim Kanzler zuvor angeregt – galt den wirtschaftlichen Aspekten internationaler Sicherheit: ein naheliegendes Thema angesichts der dramatischen Ölverteuerung und der damit verbundenen Rezession jener Jahre. Der Weltökonom Schmidt hielt sich weitgehend daran – mit Analysen, die auch in der Weltwirtschaftskrise unserer Tage noch Bestand haben. Was die Zuhörer jedoch am meisten interessierte und was in der Presse am Morgen danach den größten Raum einnahm, waren seine Äußerungen zum Terrorismus. Schmidt hatte in den Wochen zuvor unter dem immensen Druck der Landshut- Entführung und des Mordes an Hanns Martin Schleyer gestanden – ein Grund zu meiner Befürchtung, er werde in letzter Minute absagen. Wenn er dennoch kam, dann wohl aus Achtung für Alastair Buchan, den Gründungsdirektor des Instituts, zu dessen Andenken die regelmäßigen Reden am IISS eingeführt worden waren.

Gewiss, Schmidt sprach auch kurz Fragen der Rüstungskontrolle und des strategischen Gleichgewichts an, beides Themen, die ihn stets beschäftigten. Sie hätten jedoch keine internationale Aufmerksamkeit gefunden, hätte nicht Helmut Sonnenfeldt – einst enger Mitarbeiter Henry Kissingers, nun Mitglied im Kuratorium des Instituts und immer noch ein gewiefter Washingtoner Insider – den Kanzler beim anschließenden Essen im vornehmen Connaught Hotel auf diese Passagen angesprochen.

Da breitete dann Schmidt mit Verve aus, was er in seiner Rede nur angedeutet hatte: dass durch die damals anstehende (aber nie abgeschlossene) Einigung zwischen Washington und Moskau zur weiteren Begrenzung ihrer Interkontinentalraketen (SaltII) nicht nur das militärische Übergewicht der Sowjetunion in Europa unangetastet bleibe. Schlimmer noch: Die Fähigkeit der USA, dieses Übergewicht wie bisher durch ihre strategischen Waffen auszugleichen, werde dramatisch vermindert, zumal die Sowjetunion eifrig Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 anschaffte, die besonders Europa bedrohten. Dagegen müsse etwas geschehen.

Zurück in Washington, verbreitete Sonnenfeldt die Kunde so emsig, dass die Regierung Carter erfuhr, was Schmidt am Herzen gelegen hatte. Auch die deutsche Botschaft dort bekam Wind davon und erfragte beim Londoner Kollegen, der ebenfalls bei dem Abendessen zugegen gewesen war, was denn genau der Kanzler im Connaught gesagt habe. Der Botschafter gestand mir, wegen Müdigkeit nicht hinreichend aufgepasst zu haben, und erbat eine kurze Zusammenfassung. So machte die Londoner Rede Schmidts erst auf dem Umweg über Washington Geschichte.

Und Washington reagierte – obwohl des Kanzlers nuklearstrategisches Argument den Carter-Leuten nicht einleuchtete: Die Nato war stets davon ausgegangen, dass die Interkontinentalraketen Amerikas einen sowjetischen Angriff auf Europa hinreichend abschrecken würden. Carters Nationaler Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski erklärte denn auch später, er habe an die militärische Notwendigkeit der Nachrüstung nie geglaubt; Schmidt habe das sogenannte eurostrategische Ungleichgewicht unnötig überbetont. Aber, so Brzezinski, "um ihn bei der Stange zu halten, glaubten wir, auf der Ebene der Mittelstreckenwaffen in Europa irgendwie reagieren zu müssen".

Vielleicht war es ja in der Tat weniger dieses Ungleichgewicht, das dem Kanzler Sorgen machte, als die strategische Sprunghaftigkeit des 1977 angetretenen Präsidenten Jimmy Carter. Mit der Nachrüstung wollte Schmidt gleichermaßen die Sowjets zur Aufgabe ihres Übergewichts veranlassen und Carter auf eine verstärkte sicherheitspolitische Solidarität mit Europa festnageln.