Eigentlich hatte Helmut Schmidt geglaubt, in der Politik habe er das "Ende der Fahnenstange" erreicht. Ernsthaft ging er mit dem Gedanken um, sich in der Wirtschaft einen führenden Posten zu suchen. Dem Economist sagte er im März 1974: "Mein Sinnen ist nicht mehr auf Avancement gerichtet." Acht Wochen danach schwor er als fünfter Bundeskanzler seinen Amtseid.

Inzwischen war die Guillaume-Affäre losgebrochen, waren auch Willy Brandts Frauengeschichten ruchbar geworden. Wie kaum ein anderer hatte Schmidt versucht, Brandt auf dem Kanzlerposten zu halten. Einmal brüllte er ihn sogar an: "Wegen dieser Lappalien kann ein Bundeskanzler sein Amt nicht aufgeben!" Später bekundete er einmal: "Ich wollte dieses Amt nicht. Ich hatte Angst davor." Aber Brandt war der Rücktritt nicht auszureden. So ließ sich Schmidt in die Pflicht nehmen. Niemand merkte ihm seine Ängste an, als er am 16. Mai 1974 die Eidesformel sprach.

Kein Bundeskanzler vor ihm hatte sein Amt mit einer so breit gefächerten Vorbildung angetreten. Wohl war Schmidt an der Wiege kein politisches Lied gesungen worden; Politik sei nichts für Kinder, fand der Vater. Die Gewaltherrschaft von "Adolf Nazi" – wie Schmidt heute noch gern sagt – war dem Jugendlichen zuwider, doch besaß er keine Idee davon, "wofür ich hätte eintreten sollen". Im Herbst 1937 wurde er Soldat und blieb es bis zum Kriegsende. Erst in englischer Kriegsgefangenschaft entwickelten sich unter dem Einfluss älterer Kameraden seine "ersten positiven politischen Vorstellungen"; noch im Gefangenenlager wurde er Sozialdemokrat.

Während des Volkswirtschaftsstudiums zog es ihn dann immer tiefer in die Politik. So wurde er 1946 in der Hansestadt Mitgründer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes; 1947/48 war er sogar SDS-Vorsitzender in der britischen Besatzungszone. Einer seiner Professoren, Karl Schiller, der 1948 Senator für Wirtschaft und Verkehr wurde, holte den jungen Diplomvolkswirt Schmidt im folgenden Jahr als persönlichen Referenten in seine Behörde; 1952 übernahm der 34-Jährige das Amt für Verkehr. Ende September 1952 in Dortmund lieferte er auch seinen ersten Diskussionsbeitrag auf einem SPD-Parteitag. Dabei ging es schon um weit mehr als bloß um Verkehrsthemen, nämlich um Grundsätze der Wirtschaftsordnung; wobei er früh vor einer Defizitwirtschaft warnte und die Genossen ermahnte, nicht mehr zu versprechen, als man durchführen könne. Im Jahr darauf rutschte er über den sechsten Platz auf der Hamburger Landesliste in den Bundestag.

Auch in Bonn galt zunächst den Verkehrsfragen sein Interesse. Bald jedoch mauserte er sich neben Fritz Erler zum Verteidigungsfachmann. Der wortgewandte Streiter wider die Atomrüstung, der er damals war, machte 1958 eine Reserveübung bei der Bundeswehr. Viele seiner Genossen verstörte dies zutiefst. Er erhielt auch umgehend die Quittung: Die SPD-Bundestagsfraktion wählte ihn noch während seiner Übung aus ihrem Vorstand ab, dem er erst knapp ein Jahr angehörte. Aber er ließ sich das Wehrthema nicht vergällen; 1961 erschien sein Werk Verteidigung oder Vergeltung, das ihn mit einem Schlag in die vorderste Reihe der ernst zu nehmenden strategischen Denker des Westens katapultierte.

Das ewige Opponieren war er freilich bald leid. So folgte er nach der Bundestagswahl 1961 einem Ruf seiner Vaterstadt. In seine Zeit als Hamburger Innensenator fiel im Februar 1962 das Ereignis, mit dem er sich ein für allemal in das Bewusstsein der Bundesbürger hob: die Hamburger Flutkatastrophe, die größte seit 1825, die 315 Menschen das Leben kostete und 75000 obdachlos machte. Der Innensenator Schmidt riss damals beherzt das Kommando an sich. Etwas außerhalb der Legalität befahl er 8000 Soldaten der Bundeswehr zum Einsatz und erwirkte bei der Nato die Entsendung einer Hubschrauberflotte zur Rettung der vom Wasser eingeschlossenen Menschen. Der "Macher" gab den Deutschen eine erste Probe seines Könnens, eine Demonstration seiner Tatkraft, Umsicht und Entschlossenheit. Im Herbst 1965 kehrte er wieder in den Bundestag zurück.

Als 1966 die Große Koalition gebildet wurde, bekam Schmidt zum ersten Mal ein Ministerium angeboten: das Verkehrsressort. Er lehnte ab und wählte die Arbeit in der Fraktion, deren Führung er für den schwerkranken Fritz Erler als amtierender Vorsitzender übernahm; nach dem Tod Erlers im Februar 1967 rückte er dann an dessen Stelle. Im Tandem mit Rainer Barzel, dem CDU-Fraktionsvorsitzenden, lernte er die Leitung des parlamentarischen Geschäfts: diskutieren, Meinungen zusammenführen, entscheiden, dann die Entscheidung auf den vorgeschriebenen Vollzugsweg bringen. Der Verkehrsexperte, Wehrexperte, Katastrophenspezialist bildete sich zum Allroundpolitiker, der auf vielen Feldern zu Hause war und sich mit der Sachkunde immer zugleich Urteilskriterien, Maßstäbe und Überzeugungen erwarb.