Herr Schmidt, was hat Sie damals veranlasst, in die Politik zu gehen – und was war der Grund dafür, immer weiterzumachen?

Helmut Schmidt: Ich bin nicht in die Politik gegangen, ich bin da hineingeraten. Das war keine willentliche Entscheidung. Es muss Ende 1952 oder Anfang 1953 gewesen sein, da haben mir drei verschiedene sozialdemokratische Kreisverbände angeboten, ich sollte in ihrem Bundestagswahlkreis kandidieren. Und ich habe mir gedacht: Das wird eine interessante Erfahrung, mal vier Jahre lang im Bundestag zu sitzen. Von den drei Angeboten habe ich mir den Wahlkreis ausgesucht, der vor meiner Haustür lag. So bin ich in die Politik gekommen. Dann fand ich es aber aufregend genug, um ein zweites Mal zu kandidieren. Ich habe also 1953 nicht den Beschluss gefasst, in die Politik zu gehen. Mein ursprünglicher, jugendlicher Berufswunsch war, als Städtebauer zu arbeiten. Sehr viel später hoffte ich, in die Hamburgische Hafen- und Lagerhausgesellschaft und in die Geschäftsführung einzutreten. Das waren meine Lebensträume.

Ist die junge Generation, sind wir auf die kommenden Jahre einer instabilen Wirtschaft ausreichend vorbereitet durch Eltern, Lehrer und Politiker?

Schmidt: Anders als die Amerikaner, die mit Optimismus durchs Leben gehen, lassen sich die Deutschen leicht ängstigen. Das sieht man bei den Eltern, bei den Studienräten und bei den Politikern. Das hat seine Gründe. Sie liegen in der deutschen Geschichte, in der Nazizeit, in den verlorenen Weltkriegen, sie liegen in Auschwitz, in der Vernichtung der europäischen Juden, in sechs Millionen toten Juden. Das alles spielt im Unterbewusstsein der Deutschen eine große Rolle.

Haben die Deutschen, hat die junge Generation also bei allem Geschichtsbewusstsein eigentlich keinen Grund zu Pessimismus?

Schmidt: Deutschland hat einen wirklich unglaublichen ökonomischen Aufschwung hinter sich, den wir damals nach dem Krieg nie für möglich gehalten hätten. Wenn ich euch so sehe, dann ist eure Situation überhaupt nicht zu vergleichen mit der Situation einer Abiturklasse 1946. Damals bekam man Wohnraum zugewiesen. Man brauchte nicht nur Geld, um eine Wohnung zu beziehen, man brauchte auch die Genehmigung der Behörde. Und was man bekam, war ein Zimmer in einer Vierzimmerwohnung, in den anderen drei Zimmern wohnten weitere drei Familien. Das war das Normale hier in Hamburg. Daraus haben wir etwas gemacht, das haben wir geschafft, wie man heute sieht. Das heißt: Wir Deutschen können was. Wir sind fleißig und intelligent. Deswegen braucht man auch mit Blick auf die nächsten Jahre in diesem Land in Wirklichkeit kein Pessimist zu sein.

Wenn wir uns unter Gleichaltrigen umschauen, dann sehen wir viele, die an Politik kein großes Interesse haben…

Schmidt: …das macht nichts.

Bitte?

Schmidt: Das ist keine Eigenart der heutigen Jugend. Das war zu meiner Zeit genauso, das ist nichts Besonderes. Da ist Fußball wichtiger als Politik.

Vergessen Sie nicht die 68er?

Schmidt: Also, das waren keine ganz jungen Leute, das waren Studenten! Die waren in Wirklichkeit schon erwachsen, irregeleitet durch Ideologien. Die waren älter, als ihr es seid! Da waren natürlich auch Abiturienten darunter, aber es war insofern etwas Unvergleichliches, als der Aufstand der 68er aus Amerika kam, von den Universitäten an der Westküste, aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Das ist dann rübergeschwappt nach Frankreich und von Frankreich nach Frankfurt und dann nach Berlin.

Also dürfen wir ruhig unpolitisch sein?

Schmidt: Sie sprechen von der heutigen Jugend in Deutschland, und da muss ich sagen: Das ist nichts Besonderes und kein Grund zur Beunruhigung. Ich finde es ganz vernünftig, wenn Siebzehn- und Achtzehnjährige sich nicht sonderlich politisch engagieren oder interessieren. Ich finde es wichtiger, dass sie anständig arbeiten und anständige Zeugnisse mit nach Hause bringen. Und anschließend wirklich mit Kraft in die Vorbereitung für den später auszuübenden Beruf einzusteigen. Wer mit 18 Jahren Politiker werden möchte, der kann mir gestohlen bleiben. Er soll gefälligst einen Beruf lernen und diesen Beruf ausgeübt haben, mit Erfolg ausgeübt haben. Danach kann er sich anschließend gerne politisch engagieren.

Welches sind die Berufe, die Zukunft haben? Was können Sie unserer Generation raten?

Schmidt: Welchen Beruf Sie ausüben sollen, dazu kann ich mich nicht äußern. Wenn Sie sich aber für einen Beruf oder eine Ausbildung entschieden haben, dann sollten Sie Ihren Weg mit Ernst und mit Fleiß beschreiten, statt endlos herumzustudieren. Die durchschnittliche Studiendauer an deutschen Universitäten ist skandalös; sie ist viel zu lang. Und das geht nicht auf Kosten der Studenten, sondern auf Kosten anderer, in vielen Fällen auf Kosten der Eltern. Einer der Gründe für diese lange Studienzeit ist die Unfähigkeit deutscher Professoren, ihre eigenen Universitäten betriebswirtschaftlich vernünftig zu organisieren.