Heute ist es allgemein üblich, nach dem Abitur für mindestens ein Jahr ins Ausland zu gehen. Ist das in Ihren Augen auch Zeitverschwendung?

Schmidt: Natürlich geht der Beruf vor! Aber es gibt doch wohl Semesterferien. Was machen Sie eigentlich da? Reisen Sie gefälligst in der Welt herum! Und nicht nach Las Palmas oder ans Mittelmeer oder wo es sonst schöne Strände gibt. Reisen Sie in Länder, in denen man sich umsehen und etwas lernen kann! Eure Generation hat ja einen unglaublichen Vorteil gegenüber meiner Generation.

Sie haben sich damals keine Rundreisen erlaubt?

Schmidt: Als wir in eurem Alter waren, waren Auslandsreisen absolut ausgeschlossen. Und wenn sie rechtlich möglich gewesen wären, wenn die Nazis das erlaubt hätten, dann hätte man kein Geld gehabt, nicht einmal für eine Fahrt von hier bis nach Innsbruck. Ihr dagegen habt alle Möglichkeiten, zu reisen kostet nicht viel. Das ist eine ganz große Verbesserung der Lebensumstände. Ihr müsst das nutzen. Man muss das ganze Leben lang reisen, wenn man es körperlich und beruflich irgendwie kann.

Bei der Gelegenheit: Was hat Hamburg, was Amerika nicht hat?

Schmidt: Ich habe einmal versucht, die Lebenseinstellung der Hamburger auf eine Formel zu bringen, eine sehr kurze Formel: leben und leben lassen. Das wird nicht unbedingt von jedem Amerikaner unterschrieben werden.

Hamburgs Hafen gilt als Tor zur Welt. Auch die hiesige Wirtschaft ist von der Finanzkrise betroffen. Wie lange wird sie eigentlich dauern?

Schmidt: Über die Antwort könnte man eigentlich zwei Jahre lang, also vier Semester lang, ein Seminar abhalten. Und danach wären wir immer noch nicht ganz schlau. Eines steht fest: Wir haben es nicht nur mit einer weltweiten Finanzkrise zu tun, sondern auch mit einer globalen Rezession. Letzteres zeigt sich darin, dass überall auf der Welt die Nachfrage nach Autos zurückgeht. Wenn es nicht gelingen sollte, die Finanzkrise zu überwinden, dann wird auch die Überwindung der Rezession nicht gelingen können. Aber selbst wenn es gelingen sollte, die Finanzkrise zu überwinden, wofür durchaus eine Reihe von positiven Fakten und Voraussagen vorliegen, ist damit noch keineswegs sichergestellt, dass auch die Weltrezession überwunden ist. Solange die Leute ein gewisses Misstrauen haben, was aus ihrem Arbeitsplatz wird, wie es mit ihrem Lohn und Einkommen weitergeht, so lange versuchen sie, den Kauf eines neuen Autos hinauszuschieben. Das war schon eine ziemlich lange Antwort auf Ihre Frage. Da könnte ich noch eine Stunde lang drüber reden, aber dabei bleibe ich für den Moment und mache einen Punkt.

Vicco von Bülow alias Loriot hat Banker und Investmentmanager jüngst als ›Verbrecher in eleganter Maske‹ bezeichnet. Finden Sie das zutreffend?

Schmidt: Es sind Verbrecher dazwischen, aber nicht sehr viele. Die meisten Finanzmanager und Investmentbanker haben im Rahmen der in ihren Ländern geltenden Regeln und Gesetze gehandelt. Man kann durchaus die Mehrheit der Banker der westlichen Welt moralisch für schuldig halten, das heißt aber nicht, dass sie strafrechtlich schuldig sind. Wenn man aber die Banker schuldig spricht, muss man gleichzeitig die Staaten und ihre Regierungen und Behörden schuldig sprechen, die seit Jahren zugesehen haben, ohne einzugreifen, wie sich Pestbeulen auf den Finanzmärkten entwickelt haben.

Werden die USA aus den Fehlern der Finanzkrise lernen, und wird das Wirt- schaftssystem verändert werden? Wie werden die Amerikaner sicherstellen, dass sie nicht noch mal in solche Schwierigkeiten geraten?

Schmidt: Das würde ich auch gerne wissen. Da wage ich keine Vorhersagen.

Haben Sie die Finanzkrise vorhergesehen?

Schmidt: Spätestens im Sommer 2007 war die Finanzkrise absolut vorhersehbar, ich selber habe die Entwicklung, was Sie nicht überraschen wird (Gelächter) übrigens schon ein bisschen früher vorhergesehen und habe das auch in der ZEIT geschrieben.

Wie wird die Wirtschafts- und Finanzpolitik…

Schmidt: …Entschuldigung, ich kann Sie dahinten nur schwer verstehen. Sie sollten etwas mehr essen, damit Ihre Stimme etwas voller wird!

(Gelächter)