Geburtstage großer Männer sind notwendigerweise eine hohe Zeit für Glückwünsche. Helmut Schmidt weiß, dass ich mich, genauso wie er, unter diesen periodisch wiederkehrenden Schauern des Lobes nicht besonders wohlfühle. Aber da er meine Gefühle für ihn kennt, kann er sicher sein, dass ich meine, was ich sagen werde. Ich möchte deshalb ohne Bedenken zwei Lobgesänge auf ihn anstimmen. Der erste handelt davon, dass Helmut Schmidt zu den größten Kanzlern Deutschlands in der Nachkriegszeit zählt – letztlich war er der beste neben Konrad Adenauer. Mein zweites Lob gilt Helmut Schmidt, dem Europäer, ohne den wir es nicht geschafft hätten, eines der solidesten monetären Fundamente in der Welt von heute zu legen.

Während der Kanzlerschaft Helmut Schmidts konnte Deutschland sein Erscheinungsbild, das durch die Schrecken des Krieges und die mit ihm verbundenen Verbrechen furchtbar beschädigt worden war, wieder aufhellen und erneut seinen Platz unter den großen Nationen der Welt einnehmen. Die Wiederherstellung des deutschen Ansehens war das Ergebnis harter Arbeit, die mit der festen demokratischen Führung durch Konrad Adenauer begann; die Arbeit wurde mit dem außergewöhnlich mutigen Bemühen der Deutschen um eine tief greifende kritische Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte fortgesetzt. Aber es war Helmut Schmidt, der diesen Prozess dank seiner Charakterzüge – Kompetenz, Geradlinigkeit und hervorragendes Urteilsvermögen – zu Ende führte.

Die neue Einordnung ihrer Nation bescherte den Deutschen erstmals seit Langem wieder einen Zustand der Zufriedenheit. Das symbolische Ereignis, das die geschichtliche Wende verkündete, war die Teilnahme eines deutschen Bundeskanzlers – zum ersten Mal seit Ende des Krieges – in der Person Helmut Schmidts am Gipfel der größten westlichen Länder, der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs, vom 6. bis zum 8.Januar 1979 auf Guadeloupe.

Zwischen 1974 und 1982 nutzte Helmut Schmidt immer wieder sein Urteilsvermögen und seine Aufgeschlossenheit, um die internationalen Beziehungen mitzugestalten. Sie änderten sich rapide. So wurden die ersten Risse im sowjetischen System während der Polenkrise Anfang der achtziger Jahre, mit der Breschnew nicht umzugehen wusste, sichtbar. Helmut Schmidt, mit dem ich wegen der Zuspitzung in Polen in engem Kontakt stand, half dabei, die Möglichkeit einer militärischen Intervention Moskaus abzuwehren. Gleichzeitig kritisierte er den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan.

Sein wachsender Einfluss brachte ihn auch dazu, die Rollenverteilung im Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik neu zu überdenken. Bis dahin entsprach die Haltung amerikanischer Führer gegenüber Deutschland einer Postbesatzungskultur; sie entschieden immer noch, wie sich Deutschland zu verhalten hatte. Geduldig bemühte sich Helmut Schmidt, sein Land aus diesem Zwang zu befreien. Durch die widersprüchliche Politik der Carter-Administration wurde er zu diesem Schritt auch geradezu gezwungen. So hatte Jimmy Carter bei so sensiblen Entscheidungen wie dem Bau der Neutronenbombe oder dem Boykott der Olympischen Spiele in Moskau erst die Unterstützung Deutschlands verlangt, dann aber, ohne auch nur das geringste Wort einer Erklärung, diese Ziele wieder aufgegeben.