Eltern sollten keine Lieblingskinder haben und Herausgeber von Buchreihen vielleicht auch keine Lieblingsbücher. Aber Maurice, der Kater von Terry Pratchett ist das Buch, über das ich bei der Arbeit an den "Fantastischen Geschichten" am meisten gelacht habe. Dem Autor gelingt es auf beispiellose Weise, alle Konventionen der Sprechende-Tiere-Erzählung (wie Kenneth Grahams Der Wind in den Weiden oder Beatrix Potters Peter Hase) ironisch zu brechen – und doch eine geniale Geschichte über sprechende Tiere zu erzählen.

Pratchetts Held Maurice hat, anders als viele Menschen, keine Probleme mit dem Selbstwertgefühl. Er hält sich für die Krone der Schöpfung. Maurice ist ein Kater, und seine Argumentation ist so schlicht wie überzeugend: Hat man jemals eine Katze einen Menschen füttern sehen? Also.

Allerdings hat sich Maurice’ Leben zu dem Zeitpunkt, da wir ihn kennenlernen, gerade sehr verändert: "Er merkte, dass etwas nicht stimmte, als er kurz nach dem Mittagessen sein Spiegelbild in einer Pfütze sah und dachte: Das bin ich. Zuvor war er sich seiner selbst nicht bewusst gewesen. Er erinnerte sich kaum daran, wie er gedacht hatte, bevor er zu einem Wunder wurde. Sein Geist schien eine Art Suppe gewesen zu sein."

Der neue, bewusste Maurice zieht schnell den Schluss, dass er irgendeinem geheimnisvollen Umwelteinfluss ausgesetzt gewesen sein muss – was nicht überraschend ist, wenn man, wie er, von den Küchenabfällen einer Zauberer-Universität lebt. Auch ein Teil seines lebendigen Futters ist von der unerklärlichen Verwandlung betroffen: "Maurice wurde klar, dass die Ratten etwas Gebildetes an sich hatten, als er eine von ihnen fing und die Ratte sagte: ›Können wir darüber reden?‹ Ein Teil seines wunderbaren neuen Gehirns teilte ihm mit, dass man niemanden verspeisen durfte, der sprechen konnte. Zumindest sollte man sich zunächst anhören, was der Betreffende zu sagen hatte."

Der denkende Kater und die gebildeten Ratten beschließen, ihre Zukunft gemeinsam in die Hand zu nehmen – wobei Maurice dabei eher ans Geldverdienen denkt, die Ratten hingegen an eine würdige Rattenzivilisation. Die Nager, die seit ihrer Verzauberung lesen können, haben ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen nach der Lektüre eines Buches entwickelt, das ihnen beim Überfall auf einen Buchladen in die Pfoten fiel. Herrn Schlappohrs Abenteuer heißt es, und die darin vorkommenden Tiere tragen Westen, kleine Anzüge, Hüte und sogar Schwerter – und leben mit den Menschen auf Augenhöhe. Begeistert experimentieren auch die echten Ratten mit Kleidung, doch für den täglichen Überlebenskampf in Abwasserrohren erweisen sich die Anziehsachen als unpraktisch.

Die Kleider, das Lesen-Können und die Debatte über eine neue Rattenethik lösen innerhalb des Rattenstammes Spannungen aus. Besonders ältere Ratten fühlen sich an den Rand gedrängt. Gekochter Schinken, der Anführer der Schar (alle Rattennamen stammen aus einer Phase, als die Ratten wohl die Aufschriften auf alten Konservendosen lesen konnten, aber noch nicht wussten, was sie bedeuteten), hält von der neuen Mode überhaupt nichts: "Alle denken heutzutage. Ich denke, es wird einfach zu viel gedacht, ja, das denke ich . In meiner Jugend haben wir nie übers Denken nachgedacht. Wir hätten nie irgendetwas zuwege gebracht, wenn wir unaufhörlich gedacht hätten."

Gekochter Schinkens Gegenspieler, die Reformbefürworter Pfirsiche und Gefährliche Bohnen, tun sich moralisch besonders schwer mit dem Geschäftsmodell, das Kater und Nager zusammen mit einem "dumm aussehenden Jungen" praktizieren: Sie inszenieren nämlich Rattenplagen. Sie überfallen Städte – "schon eine Ratte, die sich hier und dort zeigte, laut quiekte, in frischer Sahne badete und auf den Boden pinkelte, konnte ganz allein eine Plage sein" –, und der Junge wandert anschließend durch die Stadt, bläst auf seiner Flöte und "befreit" die Bewohner. Gegen ein angemessenes Honorar natürlich. Mit dem Geld soll eines Tages die freie Rattenrepublik gegründet werden. Gerade hat man sich auf einen letzten Coup vor dem Ausstieg geeinigt, als in Bad Blintz alles schiefzugehen beginnt: In der Stadt sind bereits Rattenfänger unterwegs. Die Bürger wirken verhärmt und wenig zahlungskräftig. Und in den unterirdischen Gängen des Ortes riecht es nach Gefahr.