Eisiger Wind pfeift von den Bergen, und mitten durch den Tiefschnee stapft ein kleines Männchen mit roter Zipfelmütze. Immer wieder sinkt er bis zum Bauch in den Schnee ein und flucht. Aber Anhalten kommt nicht infrage, denn dieser Geselle hat etwas Wichtiges vor: In ein paar Tagen will er Tausende von Kindern besuchen und jedem ein kleines Geschenk bringen.

Der ulkige Wanderer ist ein Weihnachtsgeist auf Island, einer Insel weit im Norden des Atlantischen Ozeans. Stúfur heißt er, was auf Deutsch Knirps oder Stöpsel bedeutet. Denn Stúfur ist (auch wenn er das nicht gern hört) ein Winzling. Einem Erwachsenen würde er etwa bis zum Knie reichen.

So richtig gesehen hat ihn noch niemand. Denn Stúfur lebt verborgen in den Bergen. Dort haust er mit seinen zwölf Brüdern – das erzählen sich die Isländer seit Jahrhunderten. In der Zeit vor Weihnachen ziehen alle 13 Weihnachtsgeister in die Städte. Am 12. Dezember besucht der erste die Kinder. Dann kommt jede Nacht ein anderer. Stúfur ist als Dritter an der Reihe. Aber wegen seiner kurzen Beine macht er sich immer vor den anderen auf den Weg. Der letzte Geist beendet am 24. Dezember die nächtlichen Heimlichkeiten. Und alle bringen ein kleines Geschenk.

Mit unserem Nikolaus oder dem Weihnachtsmann haben die isländischen Männchen aber wenig gemein. Sie sind eine Art Troll: spitzbübische Rüpel, die sich oft nicht benehmen können und den Menschen Streiche spielen. Die meisten stibitzen etwas aus der Küche. Der eine leckt alle Löffel blank, der andere schleckt die Töpfe aus, der nächste klaut Würstchen. Berglind ist elf Jahre alt, lebt auf Island und erzählt: "Wir stellen ihnen meistens etwas ins Fenster, und dann essen sie es entweder auf oder nehmen es mit."

Diese Gefräßigkeit haben die Gesellen nicht zufällig, erklärt Terry Gunnell. Der Wissenschaftler erforscht isländische Bräuche und erzählt: Mit dem Weihnachtsfest hatten die Trolle früher nichts zu tun, sondern mit Mittwinter. Das ist die Zeit Ende Dezember, in der die Sonne tagsüber am kürzesten scheint. Auf Island wird es dann kaum hell. Oft liegt sehr viel Schnee. Als es weder Heizungen noch Supermärkte gab, war das für die Menschen eine harte Zeit. Die Vorräte wurden knapp – so als würden unsichtbare Wesen sie stehlen. "Die Geister stellten den Winter dar", sagt der Forscher. "Sie sind auch ein Zeichen für die Dunkelheit, sie haben viel Geheimnisvolles."

Und sie sind hässlich, findet der zwölfjährige Ísak. Trotzdem mag er die Trolle lieber als den Weihnachtsmann. So geht es Fanndís auch. Sie ist elf Jahre alt und hat unter den 13 Trollen einen Liebling: den Türenknaller. Dieser Weihnachtstroll denkt nicht nur ans Futtern. Am 18. Dezember schleicht er sich ganz leise ins Haus. Dort aber flitzt er von Tür zu Tür und schlägt sie mit lautem Krachen zu.

Der Krach ist nur ein Spaß, meint Fanndís. Gruselig findet sie den Türenknaller überhaupt nicht. Schließlich lässt auch er ein Mitbringsel da. Die Geschenke sind übrigens eine neue Angewohnheit der Troll-Brüder. Vor hundert Jahren machten sie das noch nicht. "Vielleicht haben sie sich das vom Weihnachtsmann abgeguckt", sagt Forscher Terry. Überhaupt seien die Trolle im Laufe der Jahrhunderte netter geworden. Früher kamen sie, um die Kinder zu erschrecken. Heute sind sie fast freundlicher als unser Weihnachtsmann. Denn wer sich nicht gut benommen hat, muss keine Rute fürchten. Er findet am nächsten Morgen statt eines Geschenkes eine alte Kartoffel im Schuh.