Wieder ein Abenteuerroman, der den Jack London in uns wachruft? Wir stehen am Rande eines Zedernhains, hören den Blauhäher klagen, sehen die Kratzspuren der Hirschgeweihe an den Baumstämmen, riechen den Winter, spüren den Nieselregen… Der Autor des Buches in unserer Hand heißt Watt Key, ist Jahrgang 1970, lebt in Alabama und hielt sich in seiner Jugend – so teilt uns der Verlag in einer biografischen Notiz mit – "viel im Freien auf, fing Fische, stellte Fallen und baute Baumhäuser". Zudem besitze er ein Stück schwer zugängliches Sumpfland.

Ob’s daran liegt, ob’s daher kommt? Jedenfalls kennt der Mann die Wildnis im Winter, und er kann schreiben, dass wir bibbern und zittern. Es ist das Jahr 1980, wir stehen am Rande ebenjenes Zedernhains und sehen voller Entsetzen, wie ein zehnjähriger Junge namens Moon seinen toten Vater auf einer Schubkarre durchs Unterholz schiebt, um ihn neben dem Grab der Mutter zu bestatten, die bereits acht Jahre vorher starb.

Die Wildnis "ruft" in Watt Keys Buch (es ist sein Debüt als Romancier) also auf ganz andere Weise als erwartet. Zwar umgibt uns von Beginn an eine herrliche, faszinierende Naturszenerie, die wir aus vielen amerikanischen Abenteuerbüchern und -filmen kennen, und man greift gleich zum Rand McNally’s Road Atlas und findet tatsächlich im Westen des Bundesstaates Alabama die Orte, die in der Geschichte eine Rolle spielen: den Noxubee River, das Kaff Gainesville, den Highway 43 nach Tuscaloosa und den Talladega National Forest. Doch irgendwo am Rande des Highways steht schon das klapprige Dienstauto des brutalen Constables, der dem jungen Moon bald übel zusetzen wird.

Moons Eltern zogen bereits in die Wälder, als das Kind gerade mal zwei Jahre alt war. Weil "Paps etwas gegen die Regierung hatte". Über die Jahre lehrte ihn sein Vater alle Techniken und Tricks, die es zum Überleben in der Wildnis braucht. Und nun, nach dem Tod des Vaters, macht das System dem wilden Jungen das Leben schwer. Gefängnis, Heimeinweisung und das übliche Prozedere der Aufsichtsbehörden warten auf ihn. Moon aber entwindet sich immer wieder den Staatsgewalten, nicht zuletzt da sein Papa ihm einst einprägte, sich nach Alaska durchzuschlagen, wo "viele Leute wie wir leben".

Keys Roman ist keine Hymne aufs Leben in freier Wildbahn, auf die asoziale Einsamkeit. Er ist vielmehr ein Plädoyer für ein freies, vielleicht auch chaotisches Leben am Rand der Zivilisation, aber in der Geborgenheit einer Gemeinschaft, zusammen mit anderen. Weil Moon fühlt, dass er in der Wildnis allein nicht überleben kann, sucht er Gefährten. Im Heim findet er zwei Jungen, die sich mit ihm auf den Weg machen.

Die drei flüchten erst einmal in die nahen Wälder. Dort beginnt ein dramatischer Überlebenskampf. Keine Pumas oder Giftschlangen, nein, die Tristesse des unbehausten Vegetierens und die Abgeschiedenheit machen das Überleben schwer. Und die Kälte, die Nässe, die in alle Poren kriechen. Da mögen an einem warmen Vorfrühlingsabend die gebratenen Baumnattern noch so gut munden: Romantische Lagerfeuergedanken haben keine Chance.

Was die Kinder erdulden, ist schwer erträglich. Lange Zeit folgen wir – entsetzt, fasziniert – Moons Erzählung seiner Leidensgeschichte. Es scheint keine andere Lösung für den Jungen zu geben als Resignation. Doch wie das eben häufig in Robinsonaden aller Art geschieht: Irgendwann taucht Hoffnung am Horizont auf. Siggi Seuß