Das Dschungelbuch – Walt Disneys Meisterwerk von 1967 hat viele Menschen auch in Deutschland begeistert, und noch etliche Male war dieser hinreißende Zeichentrickfilm seitdem in den Kinos zu sehen. Doch wer kennt hierzulande die literarische Vorlage? Und den Autor – den wegen seiner kolonialistischen Ansichten umstrittenen Schriftsteller Rudyard Kipling, der 1865 in Bombay geboren wurde und 1936 in London starb? Jetzt gibt es das Werk, in hervorragender Übersetzung und durchdringend illustriert, (neu) zu entdecken.

Mit welcher Kraft entführt uns Kipling, der Literaturnobelpreisträger von 1907, in den indischen Dschungel! Wie nah erleben wir mit Mowgli, dem kleinen Findeljungen, das Dickicht, aus dem plötzlich Baloo, der Bär, bricht! Wie borkig spüren wir den Stamm, auf den wir mit Bagheera, dem Panther, klettern! In 15 einzelnen Erzählungen – zunächst in Zeitschriften erschienen, 1894 und 1895 in zwei Bänden veröffentlicht – berichtet der Engländer vom Überleben in der Wildnis, aber auch im Meer oder auf dem Packeis, und immer wieder, in vollendeter Poesie, die ruhig fließt wie das Wasser des Ganges, vom Zusammenleben der Tiere. Die Dschungelbücher, Plural also, lautet denn auch der neue Titel.

Der Übersetzer Gisbert Haefs, der einst im Haffmans Verlag Kiplings Gesamtausgabe verantwortet hat, übertrug dies alles neu ins Deutsche. Damit löst er die teils kindertümelnd verstümmelten älteren Fassungen ab und befreit das Werk auch aus dem heiter-poppigen Kontext, in den es Disneys Film gestellt hat.

Ebenbürtig sind die Illustrationen von Martin Baltscheit. Seine so sinnlichen wie wilden Bilder zeigen das Dunkle und Unbändige des Dschungels. Oft sind sie, ganz- und doppelseitig, in mehreren Schichten angelegt. Linien und Flächen überlagern sich, wuchern wie das Dickicht selbst und verwirren auf den ersten Blick, bis das Auge die Gestalt, das Tier entdeckt: die Schlange mit dem tödlichen Blick, die Affenbande, die Delfine knapp über dem Meeresgrund. Daneben finden sich flächige Zeichnungen, wie Schattenrisse ganz in Schwarz, und Momentaufnahmen ganz in Rot, auch comichafte Zeichnungen, die nicht so recht passen wollen und doch die so kunstvoll beschriebene Vielfalt der Tierwelt einfangen.

Es sind dieses Tiere, denen Kipling mit höchster Achtung und Bewunderung Leben verliehen hat. Es sind die Tiere, die nur insofern vermenschlicht sind, als sie uns einen Spiegel vorhalten in ihrer Behäbigkeit oder Eitelkeit oder ihren mehr oder minder plumpen Versuchen, andere zu beeinflussen. Sie bleiben Tiere, wilde Tiere. Sie töten, um zu überleben. Sie nutzen ihre angeborenen Fähigkeiten und Werkzeuge – Krallen, Spürnase, Gelenkigkeit –, um sich durchzusetzen. Denn Dschungel bedeutet Kampf.

Auch für den kleinen Mowgli, der hier so gar nichts Niedliches an sich hat. Er ist ein kräftiger, gewandter Kerl, der die Wölfe in die Knie zwingt und seinen persönlichen Kampf gegen Shere Khan, den Tiger, gewinnt. Und dennoch ist er ein Menschenjunges, das weint, weil es innerlich zerrissen ist, weil es Abschied nehmen muss von der Wildnis und doch kein neues Zuhause finden wird.