Zu seinem Geburtstag wird Helmut Schmidt auf eine Weise geehrt, die in der Geschichte der Bundesrepublik einzigartig sein dürfte. Eine Flut von Zuneigung, Bewunderung und nationalem Stolz ergießt sich über diesen scheinbar so nüchternen Menschen, der niemals nach Popularität um ihrer selbst willen oder rein persönlicher Anerkennung gestrebt hat.

Jede Gesellschaft befindet sich zwischen dem Gebot der Sicherheit, die Verständnis für die jeweiligen Umstände verlangt, und dem Bedürfnis nach Zielen, die sie über das Gewohnte hinausheben. Die Aufgabe des Staatsmannes besteht darin, seinen Landsleuten bei der Passage von dort, wo sie sind, nach dorthin zu helfen, wo sie niemals waren. Das verlangt sowohl Weitblick wie Mut – Weitblick, weil eine Führungspersönlichkeit, die sich nur auf das Gegebene beschränkt, ihre Gesellschaft zum Stillstand verurteilt; und Mut, weil sie die Konsequenzen neuer Ideen nicht kennen kann. Eine Führungspersönlichkeit, die nur im Abstrakten verharrt, riskiert es, ihre Gesellschaft zu überfordern. Der Staatsmann aber braucht noble Ziele, die durch Augenmaß bestimmt sind.

Mit diesen Vorzügen hat Helmut seine Landsleute während beinahe der gesamten Geschichte der Bundesrepublik inspiriert. Als Regierungschef hat er an allen großen Entwicklungen teilgehabt und war oft deren Gestalter. In den Jahrzehnten nach seiner Kanzlerschaft blieb er das Gewissen seiner Nation und ein intellektueller Leuchtturm für die demokratische Sache in der Welt. Er musste seinem Alter körperlich Tribut zahlen, aber seine inspirierende Rolle und seine nimmermüde Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Welt blieben davon unberührt. Ob es sich nun um die internationale Sicherheitspolitik, die Weltwirtschaft, die Zukunft Europas, die Rolle Russlands, die atlantische Welt, die demografische Entwicklung, die Globalisierung, das aufstrebende Asien oder die Beziehungen zu Amerika handelt – bei all diesen Themen setzt sich Helmut Schmidt mit seinem permanenten Bemühen um Gerechtigkeit und Freiheit ein. Als praktizierender Politiker wurde er selbstverständlich mit den Programmen seiner Partei identifiziert. Als Regierungschef war er unweigerlich den nationalen Interessen verpflichtet. Aber sein bestimmender Charakterzug ist sein Beharren auf Wahrheit, nicht auf Zweckmäßigkeit. Aus diesem Grund wird er heute als eine globale Führungsfigur gefeiert.

Wie das Sprichwort sagt, gilt der Prophet nichts in seiner Zeit und in seinem eigenen Land. Gott sei Dank ist die Halbwertszeit für Propheten auch generell geschrumpft; zu unserem Glück aber ist die Lebenszeit wenigstens eines Propheten bis ins biblische Alter verlängert worden.

Ich habe Helmut einen nüchternen Mann genannt. Aber das trifft nur bis zu einem gewissen Grade zu. Helmut wird gleichzeitig auch von einer Leidenschaft getrieben, die sich in seiner Pflichtauffassung und seiner moralischen Integrität ausdrückt.