Es ist der 9. Dezember 2008, 20 Uhr, die Tagesschau eröffnet mit einer Rede von Bundesaußenminister Steinmeier vor dem Bundestag. "Meine Damen und Herren, über 60 Jahre nach Auschwitz und genau 60 Jahre nach der UN-Konvention gegen Völkermord sieht die Welt immer noch zu, wenn Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden. Immer noch fehlen der politische Wille und der Mut, um solche Verbrechen zu verhindern, weil die nötigen Maßnahmen oft teuer, manchmal gefährlich und innenpolitisch oft unpopulär sind. Die Bundesregierung wird im Rahmen der EU eine europäische Task Force zur Prävention solcher Verbrechen aufbauen. Dazu gehören vor allem Diplomatie und ziviles Engagement. Dazu gehört aber – lassen Sie mich das in aller Deutlichkeit sagen – als allerletztes Mittel auch der Einsatz von Militär. Denn in solchen Fällen kann niemand sagen: Das geht uns nichts an." Beifall im Plenarsaal.

Stopp! Film zurück. Diese Rede hat Frank-Walter Steinmeier nie gehalten. Diese Rede hat überhaupt kein europäischer Minister gehalten. Inmitten der Jahrestagfeiern anlässlich zweier Meilensteine des Völkerrechts – der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung von Völkermord – sind Bekenntnisse zu humanitären Interventionen in Konfliktgebieten ziemlich aus der Mode gekommen.

Was, vorsichtig gesagt, befremdlich ist. Denn es geht derzeit nicht nur um diverse Krisenregionen in Afrika, die zur Frage nach dem Eingreifen der Weltgemeinschaft Anlass geben. Es geht auch um die Zukunft der UN-Friedensmissionen, der Blauhelm-Missionen. Und um die neuerdings in die Völkerrechtsdebatte eingegangene Idee der "Schutzverantwortung", die besagt: Wenn ein Staat nicht willens oder in der Lage ist, seine Bevölkerung vor schwersten Menschenrechtsverletzungen zu schützen, dann steht die internationale Gemeinschaft in der Pflicht – im Notfall auch militärisch. In Erinnerung an die Massaker von Srebrenica und Ruanda klingt das folgerichtig – zumindest in der Theorie. Dieser haben auf dem UN-Gipfel 2005 sämtliche Staaten zugestimmt.

Doch ein Wort reicht, und es ist vorbei mit der Eindeutigkeit: Kongo.

Kongo – das war noch vor Kurzem die Megamission, mit der die Vereinten Nationen eine neue Ära des robusten Peacekeepings, der Friedenserhaltung und -durchsetzung, demonstrieren wollten. Es war der Schauplatz erfolgreicher afrikanischer Friedensvermittler aus afrikanischen Ländern und das Land, in dem auch die Europäische Union zwei Militärmissionen unternommen und ihr bislang größtes und schwierigstes Projekt eines Staatsaufbaus versucht hat. Jetzt, nur wenige Jahre später, hat ein neuer Krieg im Osten des Landes über eine viertel Million Menschen zusätzlich zu Flüchtlingen gemacht, die UN-Blauhelme werden dort von der Bevölkerung mit Steinen beworfen, die Vereinten Nationen bitten die EU dringend um eine Truppe zur "Überbrückung", was diese wiederum in einen heillosen Streit zwischen Befürwortern eines solchen Einsatzes wie Frankreich und Belgien und Gegnern wie Großbritannien und Deutschland verwickelt. Währenddessen schwankt die Berichterstattung zumindest in den deutschen Medien zwischen erschütternden Nachrichten über sexuelle Kriegsgewalt und Politiker-Kommentaren über rivalisierende "Stammeshäuptlinge" sowie die Unfähigkeit der weltweit größten UN-Mission, diese auseinanderzuhalten. Was zwischen den Zeilen heißen soll: "Da unten" im Kongo ist eh Hopfen und Malz verloren. Was könne die EU noch richten in einem Land, in dem selbst die weltgrößte UN-Mission gescheitert sei?

Ist sie das? UN-Friedensmissionen funktionieren – egal, in welchem Einsatzgebiet – nach dem Prinzip Learning by Doing. Das ist ein bitteres, manchmal für die betroffene Bevölkerung verheerendes Verfahren, aber das einzig mögliche, denn den perfekten, am Schreibtisch entworfenen Einsatz gibt es nicht. Die 1990er Jahre markierten eine Serie des Scheiterns für Blauhelme – erst in Somalia, dann in Bosnien, dann beim Völkermord in Ruanda, später beim Bürgerkrieg in Sierra Leone. Aus diesen Katastrophen folgten Lehren – und relativ erfolgreiche, weil besser mit besserem Mandat und besserer Ausstattung versehene Missionen in Liberia, in der Elfenbeinküste, Osttimor, Libanon, Sudan, schließlich von 2000 an im Kongo.

Dort gelangen zivilen UN-Vertretern samt Blauhelmen beachtliche Erfolge. Sie begleiteten einen Verhandlungsprozess, der einen der schlimmsten Kriege des vergangenen Jahrhunderts mit mehreren Millionen Toten beendete; sie organisierten und sicherten ein Verfassungsreferendum und Wahlen in einem Land ohne jede Infrastruktur. Aber sie versagten mehrfach, wenn es um ihre ureigenste Aufgabe ging: den Schutz der Bevölkerung. Warum? Weil 17000 Blauhelme aus Uruguay, Nepal, Marokko, dem Senegal, Indien oder Pakistan zwar ganz ausgezeichnet einen Waffenstillstand beobachten, Wahlkarten verteilen und Wahlurnen bewachen können, aber überfordert sind, wenn sie, schlecht ausgerüstet, in einem fremden Land gegen Rebellen vorgehen, Zivilisten retten, Kindersoldaten demobilisieren und dann noch Ordnung in eine völlig desolate und marodierende kongolesische Armee bringen sollen.