ZEIT magazin Gemälde––– Villa Grisebach

Heute mal ein Loblied auf Berlin: Bei den Herbstauktionen des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach konnten, allen negativen Vorzeichen auf den Finanz- und Kunstmärkten zum Trotz, von den 86 Hauptlosen 67 verkauft werden. Die höchsten Zuschläge erhielten außerdem vier Maler, die ihre zentrale Schaffensperiode in Berlin erlebt haben: Liebermann, Corinth, Baselitz und Ernst Ludwig Kirchner. Und, vor Jahren noch undenkbar, alle vier Hauptlose wanderten zu Preisen zwischen 450000 und 618000 Euro in Berliner Privatsammlungen.

Mit diesen 618000 erzielte Kirchners seltene und berückend schöne Farblithografie Kokottenkopf mit Federhut auch den höchsten Preis, der in Deutschland jemals für eine Druckgrafik bezahlt worden ist. Es passt zu diesem Rekord und dem Erstarken der Hauptstadt als Kunststadt, dass genau in diesen Tagen im Verlag Rogner & Bernhard das schöne Buch Helden erschienen ist, das in souveräner angelsächsischer Manier von "David Bowie in Berlin" erzählt. Der Autor Tobias Rüther beschreibt darin, wie Bowie Ende der siebziger Jahre vom Erlebnis Kirchner überwältigt wird. Und wie der Maler für ihn zu solch einem "Helden" wird, in dessen Leben er "hineinwachsen" will, dass er sich für sein legendäres Album Heroes in genau der Pose fotografieren lässt, in der Erich Heckel 1917 seinen Freund Kirchner als vom Nervenkrampf durchzuckten Künstler porträtierte. So schmückt das Cover von Heroes, dieser einzigen nur im Berliner Hansa-Studio entstandenen Platte, das Porträt von Bowie als leidendem, wissendem Spätexpressionisten: ein wahrer "Brücken"-Schlag zwischen zwei künstlerischen Ausnahmeexistenzen. Rüther beschreibt die Wirkung, die die Brücke-Werke auf Bowie hatten, sehr präzise: "Er wird von den Bildern nicht zu irgendetwas angestiftet, als könne man Kunst mit einem Reiz- Reaktions-Schema erklären. Er ist vielmehr so etwas wie ihr Doppelgänger, Nachgeschmack, ihr zweites Gesicht."

Anders als Künstler funktionieren Sammler ja durchaus nach dem Reiz-Reaktions-Schema – aber auch da kann es Überraschungen geben. Grisebach konnte bei seinen Herbstauktionen auch jenseits der Schwerpunkte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert punkten. So erklomm etwa August Heinrichs Bild des Watzmanns von 1821 einen Preisgipfel von 255000 Euro. Florian Illies

David Bowie Der Sänger entdeckte in Berlin seine Liebe zur "Brücke" und posierte auf dem Cover seiner Platte "Heroes" (Abbildung) als Ernst Ludwig Kirchner

"Kokottenkopf mit Federhut" von Ernst Ludwig Kirchner, 1909/10

"Es kommt einfach darauf an, in die Person hineinzuwachsen, die man darstellen will"