Es gibt Legenden, die scheinen unsterblich zu sein. Dazu gehört auch die Fama, Ludwig Erhard sei der "Urvater" und "Gründungsvater der sozialen Marktwirtschaft". Es ist von dieser Behauptung nicht mehr weit bis zum Vater des Wirtschaftswunders und der Erhardschen Erwartung: "Die Arbeitslosigkeit wich der Vollbeschäftigung, die Einkommen stiegen, der Konsum explodierte." Was hatte Erhard damit zu tun? Nicht viel.

Die Ehre, "Urvater der sozialen Marktwirtschaft" zu sein, gebührt allein dem Staatssekretär Alfred Müller-Armack. Der Volkswirtschaftler sah "Marktwirtschaft" als ein Synonym für Kapitalismus. Das Attribut "sozial" entlehnte er der christlichen Soziallehre, mit der Erhard nichts zu tun hatte. Was später "Wirtschaftswunder" genannt wurde, hatte vor allem mit der von den Amerikanern durchgesetzten Währungsreform zu tun. Nachdem die D-Mark eingeführt war, hat Erhard die Zwangsbewirtschaftung abgeschafft.

Ich hatte 1968 nach einer Pressekonferenz im Weißen Haus in Washington ein Gespräch mit Arthur Settel, der zu den Finanzexperten gehörte, die im Auftrag von General Clay die Währungsreform vorbereitet haben. Ich habe Mr Settel gefragt, warum die USA den Morgenthauplan aufgegeben und stattdessen den Marshallplan ins Leben gerufen hätten. Settel: "Wir hatten dabei zwei Ziele im Auge. Erstens sollte das westliche Deutschland unter keinen Umständen in den sowjetischen Herrschaftsbereich kommen. Zweitens wollten wir den Staat Bundesrepublik als künftigen Handelspartner gewinnen und uns den Absatzmarkt Westdeutschland sichern." Ich warf ein: "Bei uns sagt man, Erhard sei der Vater des Wirtschaftswunders." Settel: "Wirtschaftlicher Erfolg ist die Frucht des Zusammenwirkens von Kapital und Arbeit. Wir haben euch Kapital gegeben, ihr habt fleißig gearbeitet. Ihr Deutschen seid ein fleißiges Volk." Ich wollte es genau wissen und fragte: "Und Erhard?" Mr. Settel: "Erhard war Minister unter Adenauer."

Für einen "Vater des Wirtschaftswunders" ist in amerikanischen Betrachtungen kein Platz, er ist eine Erfindung zum parteipolitischen Gebrauch.

Theobald Groß, Bassenheim