Ehe Ursula von der Leyen die Welt der Familien revolutionierte, galt: Nur zwei Prozent aller Väter nehmen Elternzeit, aber 98 Prozent von ihnen schreiben ein Buch darüber. Seit die Bundesfamilienministerin das Elterngeld samt Vätermonaten durchgesetzt hat, haben beide Zahlen sich erfreulich entwickelt: Die Zahl der jungen Väter, die mindestens zwei Monate zu Hause bleiben, ist deutlich gestiegen (auf knapp zwanzig Prozent) – während der Boom nutzloser Bücher aus der Reihe "Auch Papa kann jetzt wickeln" langsam abebbt. Geblieben ist das Gute-Väter-Syndrom: Kaum eine Gruppe sonnt sich derart im Glanze gesellschaftlicher Anerkennung wie junge Väter, die sich für ihre Familien engagieren. Was darüber in Vergessenheit geraten ist, ist das Schlechte-Väter-Syndrom.

Vernachlässigen Mütter ihre Kinder, ist ihnen der Skandal gewiss. Wenn Väter ausfallen, ist die Reaktion oft leger. Ganz handfest zeigen das gerade wieder Zahlen des Bundesrechnungshofes. Wenn bei Trennungen der unterhaltspflichtige Elternteil seinen Beitrag nicht leistet, hilft zunächst der Staat aus. In der Summe schießt der Steuerzahler auf diese Weise mehrere Hundert Millionen Euro Unterhaltszahlungen im Jahr vor, weil Eltern (und das heißt in der übergroßen Mehrzahl Männer) ihren finanziellen Verpflichtungen nach einer Trennung nicht nachkommen. Nicht einmal jeder fünfte Euro kann anschließend bei den säumigen Vätern wieder eingetrieben werden. Der Staat subventioniert also nicht nur die braven Väter, sondern die bösen gleich mit.

Natürlich wird es den Gaunern unter den Vätern zu leicht gemacht. Da sind Mütter, die sogar auf berechtigte Geldforderungen verzichten, wenn ihnen im Gegenzug keiner in ihr Leben reinredet (erst recht nicht ein missliebiger Ex), und da ist ein Staat, der offenbar fünf Euro Strafzettelschulden konsequenter eintreibt als Millionen Euro unterlassener Unterhaltszahlungen. Väter, die sich so wenig in der Pflicht sehen, kalkulieren mit dem Pflichtgefühl der anderen: von Vater Staat und Kindsmutter.

Doch was sind die Pflichten eines Vaters? Es sind zunächst mal Pflichten, auch wenn sich schon das Wort eigentümlich antiquiert anhört. Dabei berührt sich hier die Übersorge der allzeit engagierten Elternzeitpapas mit der Untersorge der Familienflüchtlinge: Der omnipräsente Papa-Hype hat im öffentlichen Bewusstsein die Idee von Elternschaft als Luxusgefühl verstärkt. Wenn aber Kinder zum Luxus stilisiert werden, wächst die Gefahr, dass Väter sich von ihren Kindern lossagen, sobald sie in ihnen nicht persönliche Beglückung, sondern vorrangig Kosten und Mühsal erblicken.

Mit der Vaterrolle hat sich auch das Väterversagen gewandelt. Die autoritären Väter früherer Jahrhunderte tobten ihr Scheitern meist in der Familie aus. Natürlich gibt es weiterhin Fälle trinkender Haustyrannen, doch ihre Herrschaft wird nicht mehr gesellschaftlich gebilligt und gestützt. Sie gelten nicht länger als Verkörperung von Gottvater auf Erden, sondern als Fälle für den Therapeuten oder Strafrichter.

Die moderne Form des Väterversagens ist demgegenüber das Väterverschwinden. Inzwischen sind nicht nur Beziehungen zerbrechlicher, sondern mit ihnen ist auch Vaterschaft prekärer geworden. Heute folgt Väterversagen oft dem Partnerversagen: Von der Flucht aus der Beziehung ist es nur ein kleiner Schritt zur Flucht aus jeder Verantwortung.

Dass dabei materielle Selbstsucht womöglich sogar das geringere Problem ist als emotionaler Geiz, illustrierte Anfang des Jahres ein Fall, der vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt wurde. Eine Mutter wollte juristisch erzwingen, dass ihr Sohn seinen getrennt lebenden Vater – der Unterhalt zahlte – wenigstens gelegentlich sehen durfte. Das Gericht lehnte den Wunsch der Mutter ab. Natürlich lässt sich Liebe nicht per Paragraf verordnen. Der Prozess aber hat erhellt, wie oft es selbst am Einfachsten mangelt zwischen Vätern und ihren Kindern: an Aufmerksamkeit. Im glücklichen Normalfall bringen Eltern ihren Kindern Liebe entgegen, im Minimalfall wäre schon sporadische wohlwollende Anwesenheit ein Gewinn.