Woher stammen eigentlich jene Lehrtafeln, die heute in allen Sprechzimmern der Akupunkteure hängen? Und wie steht es um all die anderen Praktiken, die sich auf das angeblich uralte Wissen der Traditionellen Chinesische Medizin (TCM) berufen? Sie sind in Wahrheit Kunstprodukte, die in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden.

Damals, kurz nach Gründung der Volksrepublik China, gab Mao die Parole von der chinesischen Medizin als einer "Schatzkammer" aus, deren Schätze mithilfe der modernen Wissenschaft zu heben seien. Eine von der Regierung eingesetzte Kommission mühte sich daher, die – zum Teil höchst disparaten – Lehren zusammenzutragen und in Einklang sowohl mit marxistischem Gedankengut als auch mit modernem wissenschaftlichem Denken zu bringen. Damals wurden zum Beispiel die Akupunkturpunkte und Energiebahnen festgelegt und die Unschärfe in den alten Lehrschriften wurde durch wissenschaftlich klingende Exaktheit ersetzt. Aus strategisch-politischen Gründen wurde so das Konstrukt der TCM geschaffen, das dann von unterschiedlichen Schulen weltweit aufgegriffen wurde – aber mit den Ursprüngen zum Teil wenig zu tun hatte.

Von einer "Verhandlungslösung", die "am grünen Tisch entstand", spricht in diesem Zusammenhang der Sinologe und Medizinhistoriker Paul Unschuld. Der Direktor des 2006 gegründeten Stiftungsinstituts für Chinesische Lebenswissenschaften an der Berliner Charité hält die westliche Euphorie für die TCM für geschichtsvergessen und naiv. Während man sich im Westen für eine vor-aufklärerische Heilkunst begeistere, die "ohne Chirurgie und Psychiatrie, ohne Epidemiologie (…), Bakteriologie und Weiteres auskommt", könnten sich die chinesischen Behörden heute "kaum etwas Verhängnisvolleres vorstellen" als die erneute Hinwendung weiter Kreise der chinesischen Bevölkerung zu den alten Theorien", schreibt Unschuld. Denn mit dem Prinzip von Yin und Yang lasse sich "weder ein Handy zum Klingeln noch eine Lampe zum Leuchten und schon gar keine Rakete in die Luft bringen".

Dass die TCM dennoch heute von chinesischer Seite gefördert werde, glaubt der Sinologe, habe weniger mit ihrer Heilkraft zu tun, sondern mehr mit ihrem ökonomischem Potenzial: Alleine in Deutschland werden mit TCM jährlich mehr als drei Milliarden Euro umgesetzt. bel