Alter an sich ist nicht unbedingt interessant. Es werden auch Leute steinalt, die nicht viel erlebt oder zu erzählen haben. Aber wenn ein Mann an seinem hundertsten Geburtstag gerade dabei ist, wieder einen Film vorzubereiten, seinen 48sten nämlich, dann horcht jedermann auf. Moment mal! Der ist hundert und dreht einen Film? Wer ist das?

Manoel de Oliveira! Aus Porto. Am 12. Dezember 1908 geboren. Ein Mann mit einem jungenhaften Schalk im Auge. Ein Neugieriger und Nimmermüder. Ich habe ihn gerade vor ein paar Monaten gesehen, auf dem Festival in Venedig. Da wurde Manoel de Oliveira für sein Lebenswerk geehrt (wie oft in den letzten Jahren), aber als ihn jemand von der Bühne geleiten wollte, lehnte er die ausgestreckte Hand lächelnd ab. Treppenstufen? Kein Problem! Wie alt sind 100 Jahre?

Als der junge Manoel geboren wurde, trieb sich Charlie Chaplin noch bettelarm in den Music Halls von London herum. Und ein unbekannter Schreiber und (ebenfalls) Schauspieler namens D. W. Griffith wurde in dem Jahr von der Biograph Company angeheuert, aber die war noch in New York. In Hollywood wurden noch keine Filme produziert. Das Königreich Portugal lag fernab am Rande Europas und träumte davon, eine Republik zu werden…

Auch der junge Oliveira wollte zuerst Schauspieler werden und hat in mehreren Filmen mitgespielt, in einem der ersten portugiesischen Tonfilme zum Beispiel. Dann sah er 1932 Walter Ruttmanns wunderbaren Film Berlin, Sinfonie einer Großstadt und war so beeindruckt, dass er Dokumentarfilme drehen wollte. Das hat er, wenn auch sporadisch, über 30 Jahre lang getan. Als Spielfilmregisseur losgelegt hat Manoel de Oliveira eigentlich erst 1971, mit dem Film O Pasado e o Presente (Die Vergangenheit und die Gegenwart), und hat mit dem Titel gleich schon sein Hauptthema benannt… In dem Jahr war ich ein junger Spund von 26 Jahren und habe gerade meinen ersten langen Film gedreht. Manoel de Oliveira war zu dem Moment genauso alt wie ich jetzt, nämlich 63! Und dreht nun immer noch, ja hat erst mit 80 so richtig Fahrt aufgenommen und macht seitdem (mindestens) einen Film pro Jahr! Allmählich beginne ich zu begreifen, was das heißt, mit 100 einen neuen Film anzufangen…

1996 habe ich in Lissabon einen Film gedreht und habe Manoel gebeten, in einer kleinen Stummfilmszene aufzutreten. (Da war er gerade mal 88.) Er sollte vor die (Kurbel-)Kamera treten, einen prüfenden Blick auf die Straße vor ihm werfen – durch die gespreizten Hände, wie das Filmregisseure manchmal tun, um eine Einstellung zu kadrieren –, um dann "in sein eigenes Bild einzutreten" und die Straße hinunterzugehen. Easy. Den ersten Teil erledigte Manoel mit links, kam mit Schwung um die Ecke, blieb haarscharf auf seiner Markierung stehen, ohne zu Boden zu schauen, und hielt dann seine Hände genau so vor die Kamera, dass sie seinen Blick einrahmten. Schnitt. Wir bauten die Kamera um, sodass sie nun in die andere Richtung gewendet war. Manoel verschwand in einem Hauseingang. Als wir wieder drehbereit waren, kam er zurück. Aber jetzt hatte er ein Charlie-Chaplin-Bärtchen unter der Nase, der Hut sah auf einmal ganz anders aus, und die Hosen waren hochgerutscht. Nur das Spazierstöckchen fehlte. Und dann ging er nicht ins Bild, sondern tanzte hinein, drehte sich auf einem Bein zur Kamera hin, schwenkte kurz sein Hütchen, hüpfte dann die Straße hinunter, ja hüpfte!, und verschwand um die Ecke. Und weg war er, Charlot de Oliveira…

Der Mann ist unfassbar jung geblieben. Oder mit den Jahren immer jünger geworden?! Gegenwart und Vergangenheit durchdringen sich in all seinen Filmen und nehmen einen auf Zeitreisen mit, in denen alles Vergangene schon wieder zu Fiktion wird. Die ganze Erfahrung eines europäischen Jahrhunderts liegt in seinen Filmen, das koloniale Erbe schwingt darin noch mit und auch schon unsere verstörende Jetztzeit. Seine Filme sind abgeklärt, von einer großen stilistischen Reinheit und Offenheit, und immer wieder voller unerwarteter Überraschungen. Wie Belle Toujours, seine Fortsetzung von Buñuels Belle de Jour, mit Michel Piccoli und Bulle Ogier oder A Talking Picture mit Catherine Deneuve und John Malkovich, um nur zwei zu nennen, mit seinen Lieblingsschauspielern. Wenn Manoel de Oliveira jetzt hundert wird, sind das hundert Gründe, seine Filme (wieder) zu sehen. Feliz aniversário, Manoel!