Es gibt drei Dinge, die viele schwäbische Mittelständler – und als solcher versteht sich der Multimilliardär Adolf Merckle nach wie vor – nicht mögen: Banken, Gewerkschaften und die Öffentlichkeit. Mit allen dreien hat der Patriarch aus Blaubeuren am Fuß der Schwäbischen Alb derzeit weit mehr zu tun, als ihm lieb ist. Mit den Banken ringt er um frisches Geld für sein ins Wanken geratenes Firmenkonglomerat (Ratiopharm, HeidelbergCement). Währenddessen versuchen die Gewerkschaften, ihren Einfluss auf die Firmenpolitik zu mehren. Und die interessierte Öffentlichkeit wird fast täglich über den Fortgang der Krise in einem der wichtigsten Familienunternehmen im "Ländle" auf dem Laufenden gehalten. Zuweilen auch über veritable Rankünen im verzweigten Merckle-Clan.

Der Milliarden-Poker um das Firmengeflecht geht jetzt in die fünfte Woche. Mitte November wurde bekannt, dass Adolf Merckle beim Spekulieren mit VW-Aktien einen, wie es hieß, "niedrigen dreistelligen Millionenbetrag" verloren hatte. Das teure Missgeschick war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und Merckles Holding VEM, über die der Patriarch einen Teil seiner Unternehmungen steuert, in eine akute Liquiditätskrise stürzte. Denn die weltweite Finanzkrise hatte den Unternehmer, der unter anderem Milliardenkredite für die Übernahme des britischen Baustoffherstellers Hanson durch HeidelbergCement mit Aktien besichert hatte, voll erwischt.

Aktuell verhandelt Merckle mit einem Konsortium von mehr als 30 Banken. "Am Montag haben wir den Banken ein neues Angebot unterbreitet und arbeiten mit ihnen weiter daran, eine Lösung zu finden. Es geht darum, einen Überbrückungskredit zu bekommen", sagte Merckle der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nach Angaben aus Gewerkschaftskreisen könnten sich die Gespräche noch bis ins neue Jahr hinziehen. Dadurch, so die Hoffnung, könnten vielleicht Notverkäufe von Teilen des Merckle-Imperiums verhindert werden.

Der schwäbische Unternehmer mit Dresdner Wurzeln gebietet über ein Konglomerat von Firmen mit einem geschätzten Gesamtumsatz von 30 Milliarden Euro und rund 100000 Mitarbeitern. Dazu gehören neben Ratiopharm und dem Baustoffriesen HeidelbergCement auch der größte Pharmagroßhändler Deutschlands, Phoenix, sowie der Pistenraupenhersteller Kässbohrer. Als Perle in seinem Portfolio gilt die Mehrheitsbeteiligung an der Mepha-Gruppe, dem größten Schweizer Generikaproduzenten. Schließlich gehören zu dem Reich, das sich Merckle über die Jahre zusammengekauft hat, Unternehmen mit originellen Namen wie die Kötitzer Ledertuch- und Wachstuch-Werke im einstigen Steuerparadies Nordfriedrichskoog, die nicht mehr operativ tätig sind und als Plattform für Wertpapiergeschäfte dienen.

Das Zocken am Aktienmarkt ist neben dem Steuersparen und Firmensammeln von jeher die Leidenschaft des Seniors, der vor Bekanntwerden seiner waghalsigen Aktiengeschäfte als Muster von Redlichkeit und persönlicher Bescheidenheit galt, als christlich motivierter Vorzeigeunternehmer, dem sein Erfolg nicht zu Kopfe gestiegen sei. Doch dieser Ruf ist schwer angeschlagen.

In der Bevölkerung seiner Heimatregion um Blaubeuren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Merckle in Sachen Geldvermehrung "auch nur ein Mensch" ist. Zumal sich Merckle, der laut dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes zu den zehn reichsten Deutschen zählt, nicht zu schade war, das Land Baden-Württemberg um eine Millionenbürgschaft anzugehen. Ein Ansinnen, von dem Ministerpräsident Günther Oettinger aus guten Gründen rasch Abstand nahm.

Mittlerweile gilt als wahrscheinlich, dass sich Merckle zumindest von Teilen seines Imperiums wird trennen müssen, um die Banken zu befriedigen. Im Zentrum der Verkaufsdiskussionen steht Ratiopharm. Das Ulmer Unternehmen verbindet Adolf Merckle mit seinen Wurzeln, der von seinem Vater in Blaubeuren gegründeten pharmazeutischen Fabrik Merckle GmbH. Adolf Merckle gründete Ratiopharm 1974 nach amerikanischem Muster und rollte mit seinen vergleichsweise billigen Nachahmerpräparaten den deutschen Arzneimittelmarkt auf. Ratiopharm gilt als Merckles unternehmerisches Meisterstück, das er offenbar fast um jeden Preis behalten will. "Merckle hat sicher immer noch ein Quäntchen Hoffnung, Ratiopharm nicht verkaufen zu müssen", sagt Peter Stolhofer von der Gewerkschaft IG BCE in Ulm. "Er versucht noch alles, um sein Lebenswerk zu retten."