DIE ZEIT: Herr Meyerhoff, Sie haben vor einiger Zeit am Wiener Burgtheater ein einzigartiges Theaterprojekt begonnen. Sie erzählen auf der Bühne spielend Ihr eigenes Leben. Sie reisen aus der Vergangenheit allmählich in die Gegenwart. Drei Teile, drei Erinnerungsséancen haben Sie bisher aufgeführt, sie tragen den Obertitel Alle Toten fliegen hoch. Steckt dahinter nicht der Titel eines Kinderspiels namens "Alle Vögel fliegen hoch"?

Joachim Meyerhoff: Ich hatte eine etwas verschrobene Tante, Tante Thia. Die hat mit uns Kindern immer dieses Spiel gespielt – aber abgewandelt. Unsere Familie war sehr groß, und damit wir Kinder die Toten von den Lebenden zu unterscheiden lernten, ging Tante Thia die Verwandtschaft mit uns durch. Sie rief etwa: "Und der Onkel Konrad…", und wir ergänzten: "…der fliegt hoch." Das heißt, wir dachten, Onkel Konrad sei schon tot.

ZEIT: Und? War er es?

Meyerhoff: Nein. Er lebte noch. Also rief Tante Thia: "Ach wo, Onkel Konrad fliegt nicht hoch! Der wohnt doch in Düsseldorf!"

ZEIT: Wer hoch flog, war tot; wer am Boden war, der lebte. Nun heben Sie auf der Bühne diese Trennung wieder auf. Man hat den Eindruck, Sie erzählen, damit die Toten Ihnen zuhören. Sie wirken, als rechneten Sie damit, aus der Vergangenheit jederzeit unterbrochen zu werden.

Meyerhoff: An diesen Abenden komme ich den Toten nah; es ist wie eine Beschwörung, ein Tischerücken. Es gab Zeiten in meinem Leben, da waren die Toten mir näher als die Lebenden. Erst seitdem ich Kinder habe, hat sich das geändert.

ZEIT: Hat diese Todesnähe damit zu tun, dass die Toten uns nicht mehr enttäuschen können? Sie sind im Tode wahrhaftig: Sie haben etwas in vollem Ernst getan. Bei den Lebenden kann man da nie ganz sicher sein…

Meyerhoff: Daran ist sicher etwas Wahres. Man ist auf Friedhöfen immer so versöhnt, wenn man durch die Reihen der Gräber geht: Man traut denen, die da liegen, nur das Beste zu. Es ist, wie wenn man am Strand spazieren geht und ein Segelschiff auf dem Meer sieht. Man denkt: Auf diesem Schiff ist die pure Idylle. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass da draußen eventuell grauenhafte Leute segeln. So ähnlich geht es einem, wenn man über Friedhöfe spaziert. 98 Prozent der Leute, die dort liegen, hätte man in Wirklichkeit wohl gar nicht kennen mögen.

ZEIT: Was bindet Sie so sehr an die Toten?

Meyerhoff: Der wahre Grund ist, dass ich sie vermisse; dass ich sie schrecklich vermisse. Es geht an diesen Abenden um den Verlust von lieben und wichtigen Menschen; über das Vermissen ist eine Verantwortung in mir erwachsen, sie so genau, wie es geht, im Leben weiterzutragen. Da sie selbst nichts mehr tun können, muss ich sie mit liebender Genauigkeit beschreiben und mit mir nehmen.

ZEIT: Wenn Sie Ihr Leben erzählen, ist das dann die volle Wahrheit, oder lügen Sie?

Meyerhoff: Ich gestatte mir gelegentliche Übermalungen der Wahrheit.

ZEIT: Um eine höhere Wahrheit zu erreichen?

Meyerhoff: Genau. Ich denke, dass das Erfinden ein großer Motor der Erinnerung ist: Die Auswahl der Erinnerungen, das Verdrängen, das Kitten der Erinnerungslücken; da fängt Erfindung schon an. Wer weiß denn, was er wirklich erlebt hat und was ihm nur erzählt worden ist?

ZEIT: Erleben Sie das Erinnern als einen mühelosen, selbstverständlichen Vorgang?

Meyerhoff: Nein. Ich stoße immer wieder an Grenzen, wo ich nicht mehr weiterweiß. Ich habe ein paar kleine gehegte und gepflegte Erinnerungsgärtchen, in denen ich mich gern niederlasse: die schöne Brudererinnerung, die Vatererinnerung. Aber dann stelle ich fest: Ich komme aus den Gärten nicht mehr raus. Das ist eine schmerzliche Erfahrung, dass eine Erinnerung wirklich Wände hat; dann wird sie zum Gefängnis.

ZEIT: Wie befreien Sie sich?

Meyerhoff: Die einzige Art, da rauszukommen, ist, dass ich ein Geschehnis dazuerfinde; ich baue eine Brücke zwischen zwei Erinnerungsinseln. Und indem ich erfinde, kommt die Erinnerung zurück. Ohne die Brücke der Fiktion wäre ich auf manche Erinnerung nie gekommen.

ZEIT: Sie sprechen auf der Bühne über Ihre Jugend, die Sie unter Hunderten von psychisch Kranken in einer Heilanstalt verbracht haben; über Ihren Bruder, der bei einem Autounfall ums Leben kam; über den Tod Ihrer Großeltern. In den folgenden Teilen Ihres Zyklus, die in dieser Saison herauskommen, werden Sie vom Tod Ihres Vaters erzählen und von der Abtreibung eines Kindes, dessen Vater Sie waren. Es geht also immerzu um Schmerz. Gilt für Ihre Arbeit der Freud-Satz "Man erinnert sich, um zu vergessen"?

Meyerhoff: Das ist ein Grund unter mehreren. Es geht aber auch um eine Art Selbstermächtigung. Es gab einen Punkt in meinem Leben, da hatte ich ein starkes Gefühl der Geschichtslosigkeit und Austauschbarkeit. So begann ich zu schreiben und entdeckte, dass es vielleicht gar nicht so sehr genormt ist, was man selbst tut. Es ist ein genauerer Blick darauf entstanden, wo man herkommt. Man ist so denkfaul im Umgang mit seinen Ahnen; man gesteht sich so verdammt wenig Erinnerungszeit zu.

ZEIT: Aber ist es nicht unheimlich, aus wie vielen Menschen man besteht? Man hat zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern, man ist schon nach zehn Sprüngen bei der Zahl 1024.

Meyerhoff: Man ist ganz schnell bei tausend. Und da wird es interessant. Was die Ahnen gemacht haben, ist gar nicht in unserem Bewusstsein. Da begänne die wirkliche Recherche – oder die Fiktion.

ZEIT: Oder der Wahnsinn: wenn man nicht mehr weiß, welcher Spur man folgen soll.

Meyerhoff: So weit werde ich nicht gehen. Für mich bedeutet das Erzählen ein Zur-Ruhe-Kommen; es ist ein Gegenpol zum Spielen geworden. Ich habe in meinem Leben nun zwei Grundpfeiler: das Epische, Erzählerische, Strukturierte meiner Erinnerungsabende und das Massive, zu Laute, Extreme, Zerhackte, Profane, Blöde, wenn ich als Schauspieler in anderen Stücken auf der Bühne bin. Es ist toll, beides zu haben; eine Art Selbstrettung. Ich bin nicht so kaputt, wie das Theater mich gerne hat, ich bin aber auch nicht so heil, wie ich an meinen autobiografischen Abenden wirke.

ZEIT: Die Tode, von denen Sie erzählen, haben einen verblüffenden Effekt: Sie rühren das Publikum. Die meisten Bühnentode, die wir im Theater sehen, berühren uns nicht.

Meyerhoff: Mein Gott, was wird im Theater gestorben, und es bedeutet nichts, nichts, nichts! Man spielt sich die Seele aus dem Leib, und es hat keine Wirkung, man denkt: Komm, lass es, wurscht! Wenn ich vom Tod erzähle, erreicht es erstaunlicherweise die Zuschauer. Es ist Empathie im Raum.

ZEIT: Es wird auch viel gelacht…

Meyerhoff: Diese Reibung, den Schmerz und die Heiterkeit, suche ich sehr. Es muss nach der Stille Gelächter geben.

ZEIT: Der Theatermacher Christoph Schlingensief hat im Herbst die eigene schwere Krankheit öffentlich verhandelt. Er baute in einer Industriehalle die Kirche nach, in der er als Kind Ministrant war. Darin veranstaltete er eine Trauerfeier auf sich selbst: Die Kirche der Angst. Er spricht nicht vom Tod der anderen, sondern vom eigenen.

Meyerhoff: Aus Schlingensiefs Geschichte heraus ist das nur konsequent. Er hat stets das Eigene verhandelt. Ich finde den Schlingensief so wichtig, ich guck seine Sachen schon so lange. Allerdings ist mir das Sakrale seiner Arbeit eher fremd. Sehr anrührend fand ich, dass er in einem Interview sagte, er fühle sich von seiner Krankheit, einem Lungenkarzinom, tief beleidigt; er sei ja erst 47; diesen Satz fand ich sehr schön.

ZEIT: Es ist auch ein anmaßender Satz; es gibt ja Länder, in denen die Lebenserwartung bei 47 liegt. Aber vermutlich kann man über Krankheit selbst nicht reden, solange man die Krankheitserfahrung nicht gemacht hat…

Meyerhoff: …und wahrscheinlich selbst dann nicht. In Shakespeares Viel Lärm um nichts fällt der Satz: "Über Schmerzen lachen kann jeder, der sie nicht hat." So ist es. Es gibt keine tiefere Kluft.

ZEIT: In dieser Spielzeit werden Sie am Burgtheater drei neue Teile Ihrer Toten -Abende herausbringen, den nächsten am 17. Dezember. Sie rücken immer näher an die Gegenwart heran. Im Grunde müssten Sie am letzten Abend dann doppelt auf der Bühne stehen: als der, von dem erzählt wird, und als der, der erzählt. Die beiden Meyerhoffs müssten sich zuletzt begegnen.

Meyerhoff: Es wäre wunderbar, wenn man sich selbst auf die Bühne bitten könnte.

ZEIT: Sie nähern sich unerbittlich dem Abschluss Ihrer eigenen Geschichte. Die Konsequenz wäre, dass Sie nun gleich auf der Bühne blieben; dass Sie Ihr Leben spielend, öffentlich, zuende erzählten.

Meyerhoff: Um Gottes willen! Ja, wo kommt man da hin?

ZEIT: Vermutlich sind Sie schon am richtigen Ort, um ein solches Projekt zu machen. Sie leben in Wien, einer morbiden und genussfähigen Stadt. Wie geht es Ihnen dort als Norddeutschem?

Meyerhoff: Ich komme blendend zurecht. Die Wiener sind völlig durch den Wind, sie sind oft freundlich und dann gleich total unfreundlich, aber wenn sie freundlich sind, dann völlig entwaffnend. Sie sind verführbar, sie sind orientierungslos; es ist ein Ereignis, dort zu sein. In der Stadt ist eine Schichtung von vergangenen Zeiten zu spüren, die ist immens. Und das Burgtheater ist das einzige Haus, das größer ist als die Leute, die dort arbeiten dürfen – ein grandioses Schlachtschiff.

ZEIT: Wie hält man es aus, wenn eine Burgtheater-Vorstellung vorbei ist? Man hatte 1000 Leute vor sich, und diese Gesellschaft verläuft sich innerhalb von Minuten und ist für immer weg.

Meyerhoff: Das ist fast das Schönste am Theater: dass nichts übrig bleibt. Es ist ein süßer Schmerz.

ZEIT: Am Schauspielhaus Zürich haben Sie den Hamlet gespielt. Der nervöse Kerl, den Sie da zeigen, feiert geradezu die Vergänglichkeit. In der Totengräberszene mischt er sich unters Publikum, deutet auf einzelne Zuschauer und sagt: "Zack, der ist auch weg." Und: "Zack, wieder einer!" Man spürt: Dieses Publikum wird es nie wieder geben, es ist unmöglich, den Moment zu rekonstruieren.

Meyerhoff: Nichts bleibt übrig, so ist das Theater. Aber es ist schön! Man spielt hundert Vorstellungen, und am Ende: alles weg!

ZEIT: Sie gelten als ein Spieler, der sich bis zur Erschöpfung schindet, als Berserker. Ist das Theater in seiner Vergänglichkeit diesen Aufwand wert?

Meyerhoff: Im fünften Teil von Alle Toten fliegen hoch werde ich von einer missglückten Beziehung zu einer Frau erzählen. Zu dieser Frau sagte ich einmal im Streit: Sei doch nicht so empfindlich. Und sie antwortete, sehr wütend, sehr scharf: "Wir sind alle noch nicht empfindlich genug. Und auch nicht zornig genug. Noch nicht bösartig genug. Ich bin von allem nicht genug." Diese Szene habe ich nie mehr vergessen, mit diesen Sätzen hat sie mich tief getroffen. Im Grunde ist das mein ganzes Programm: Es ist nicht genug. Auch diese Soloabende sind von allem noch nicht genug. Sie sind noch nicht lang genug, noch nicht genau genug, noch nicht traurig genug, noch nicht lustig genug, noch nicht bösartig genug. Wenn ich Theater spiele, denke ich ganz oft: Es ist noch nicht genug.

ZEIT: Ich empfinde oft das aktuelle Theater als "nicht genug"; als ein wattiges, das Spiel nicht mehr wagendes szenisches "Erzählen" und "Kommentieren" von Vorgängen, als ein flaues Sich-Raushalten aus den eigenen Angelegenheiten.

Meyerhoff: Solches Theater kenne ich auch. Es ist oft mutlos, es begnügt sich mit ein bisschen Pop. Es ist so mit sich zufrieden. Ich plädiere überhaupt nicht für texttreues Theater, aber ich will, wenn dekonstruiert wird, den Preis der Zerstörung sehen auf der Bühne. Den Verlust und den Schmerz, den es bedeutet, eine alte Form aufzugeben, den will ich spüren. Sonst ist es bloßer Jux. Und das epische Umkreisen von Figuren finde ich total langweilig; irgendwann muss es ins Zentrum führen.

ZEIT: Es gibt im deutschen Theater gewisse Lager: diejenigen, die auf der Bühne so etwas wie Gegenwärtigkeit behaupten, und die anderen, die das große "Geht gar nicht", die Unspielbarkeit von Welt und Leben, zeigen wollen.

Meyerhoff: Das Theater verpasst unheimlich viel dadurch, dass es meint, sich immerzu entscheiden zu müssen: für die eine Lesart oder die andere. So kriegen alle eine verteidigende, unfreie Haltung. Ich spüre in vielen Aufführungen, dass man mich unterschwellig belehren will; man teilt mir auf subtile Weise mit, dass ich nicht cool genug bin, nicht schlau genug, nicht intelligent genug, dass ich nicht still genug sitzen kann. Wenn ich das spüre, krieg ich einen solchen Hass – und muss fliehen. Das Theater soll mir die Belehrung nicht aufzwingen, es soll mich, mit einem ganz altmodischen Wort, zum Lernen "verführen". (Er spricht das Wort wienerisch aus)

ZEIT: Fühlen Sie sich zwischen solchen Lagern isoliert?

Meyerhoff: Nein, denn es gibt auch ganz viele Leute, die darum kämpfen, die Dinge zusammenzubringen: so zu spielen, dass das Theater kein fader Kommentar ist, sondern ein Spiel – ums Leben. Viel Lärm um nichts etwa, Jan Bosses Inszenierung am Burgtheater, ist voller peinlicher Momente, ich geniere mich da für vieles, was ich machen muss, ich bin auf der Bühne von Scham erfüllt, es ist so platt und blöd, aber wenn sich dieser Abend durch all seine Schrecken hindurchgewühlt hat, gibt es ganz tolle Momente.

ZEIT: Ist Peinlichkeit ein großer Spielantrieb?

Meyerhoff:Peter Zadek hat gesagt, da, wo bei einem Schauspieler die Peinlichkeit anfängt, wird es erst interessant. Ich würde sagen: Nichts schlimmer als ein Schauspieler, dem nichts peinlich ist.

ZEIT: Sind Sie auf der Bühne ein glücklicher oder ein schuldbewusster Nackter?

Meyerhoff: Ich war ein glücklicher Nackter über Jahre hin, in der Provinz war ich viel und gern nackt, ich hab es sogar geschafft, mich im Weihnachtsmärchen nackt zu machen, ich fand das radikal und so weiter, aber jetzt war ich Gott sei Dank schon lang nicht mehr nackt.

ZEIT: Zuletzt haben Sie am Burgtheater Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf? gespielt, ein Stück über Ehe als Krieg und Ritual. Sie spielen George, und Ihre Frau Christiane von Poelnitz spielt dessen Gattin Martha. Was haben Sie aus diesem unsterblichen, zu Tode gespielten Stück gemacht?

Meyerhoff: Wie gern hätte ich den George mit Whiskeyglas in der Hand am Kaminfeuer vor einer holzgetäfelten Wand gespielt. Man hat die Sehnsucht, das zu tun. Aber wenn man dann da sitzt und sagt: "Möchten Sie noch einen Drink?", merkt man, dass es nicht mehr funktioniert.

ZEIT: Was tut man also?

Meyerhoff: Man muss bös sein und grob, damit man es öffnet in etwas anderes. Denn sonst sitzt man in seinem Sofa mit seinem Whiskey und versackt in einem Konversationsstück.

ZEIT: Ist Albees Stück eine Tragödie?

Meyerhoff: Das Stück hat ein uneindeutiges, zartes Ende; es ist keine reine Katastrophe. So wünsche ich mir das Theater: wenn es zwei Stunden lang echt hart war und in den letzten fünf Minuten eine Empfindung von Freiheit gewinnt. Wenn man das Gefühl hat: Das Theater ist jetzt offen. Man muss arbeiten, arbeiten, arbeiten, bis es sich öffnet. Um diese Unmittelbarkeit ringe ich sehr. Das empfinde ich als Geschenk: etwas zu haben, worum man ringen kann. Um das Spiel an sich.

Das Gespräch führte Peter Kümmel