Je mehr ich selbst in Verantwortung wuchs und die Dinge durchdringen musste, desto näher fühlte ich mich dem Pragmatiker und Verantwortungsethiker Helmut Schmidt. Und das hält an. Meine Generation hat – wie ich – überwiegend und lange seine Bedeutung für die Theorie- und Praxisdebatte der Sozialdemokratie unterschätzt.

Es stimmt: Er hat es uns nicht leicht gemacht. Mit seinen manchmal sarkastischen, manchmal arroganten Attacken. Mit seiner kalkulierten Bescheidenheit, die einem selbst erst recht die eigene Fallhöhe deutlich machte. Leicht ist der Mann nicht zu handhaben. Denn solches Kaliber und beliebige Leichtigkeit vertragen sich nicht.

Ich habe die Szene vor Augen, wie Helmut Schmidt – der designierte Kanzler – in der Fraktionssitzung der SPD-Delegation zur Bundesversammlung 1974 vorne am Vorstandstisch ziemlich am Rande sitzt. In der Mitte Herbert Wehner – mit verpackten Rosen für den zurückgetretenen Willy Brandt. Und der selbst stolz und eisig, bewegt und erleichtert. Viele im Saal mit Tränen in den Augen und ohne Blicke für Helmut Schmidt. Helmut Schmidt und die Schuhe von Willy Brandt – wie soll das gehen. Es ging. Anders, aber gut. Und das war nicht verwunderlich.

Denn tatsächlich hatte Helmut Schmidt – intensiv wie wenige Politiker der Bonner Republik – seit deren Gründung an konkreten Programmen für Staat und Partei mitgearbeitet. Vom Dortmunder Aktionsprogramm der SPD (1952) über die Wehrverfassung (1956), über den Deutschlandplan und das Godesberger Programm (1959), das Karlsruher Programm zur Reform der Bundeswehr (1964), die Notstandsverfassung (1968), den Mitbestimmungsentwurf (1969) bis hin zur ersten Fassung des Orientierungsrahmens 85 (1972) lässt sich eine deutliche Spur der konzeptionellen Kraft Helmut Schmidts ziehen.

Leicht fielen die meisten Konzepte und deren Durchsetzung nicht. Zum Beispiel bei der sogenannten Notstandsverfassung, gegen die viele von uns Jüngeren standen. Es dauerte einige Zeit, bis begriffen wurde, dass sie die Republik von der Drohung der Westmächte befreite, bei einer inneren Krise eingreifen zu können. Im Deutschlandvertrag von 1954 war diese massive Beeinträchtigung der deutschen Souveränität noch enthalten. Die damals neu fixierten Bestimmungen des Grundgesetzes garantieren bis heute, dass ausufernde Pläne zum Einsatz der Bundeswehr im Inneren nicht zulässig sind.

"Der Schmidt ist ein guter Kanzler, aber leider in der falschen Partei" – das darf man als Zitat nehmen, auch wenn die genaue Quelle fehlt. Es ist authentisch, viele Male gesagt. Manche von uns haben sich davon beeindrucken lassen. Aber es war Unsinn und bleibt Unsinn. Hans Matthöfer – für mich eine der bedeutendsten sozialdemokratischen Persönlichkeiten jener Jahre – hat gelegentlich darüber gespottet: "Mit Schmidt haben sie einen, den können sie nicht klassifizieren, weil es so etwas wie ihn nicht geben darf: einen pflichtbewussten, erfolgreichen, wirksamen, linken Politiker, der es den politischen Gegnern nicht leicht macht, wenn sie bewusste oder unbewusste Strömungen der deutschen Volksseele gegen ihn mobilisieren möchten."