Viele Menschen stoßen sich an Helmut Schmidts Stil. Oft macht er leichtfertig abträgliche Bemerkungen über andere Politiker, die dann stets von irgendjemandem veröffentlicht werden, was unweigerlich zu außenpolitischem Großalarm führt oder innenpolitisches Kleinholz produziert. Er war früher ausgesprochen rüde im Ton, und auch heute kann er gelegentlich noch von kalkulierter Burschikosität sein: "Wer meint, man könne alles dem Markt überlassen, ist ein Trottel", "Was Sie da eben gesagt haben, Herr Dregger, ist schlichter Unfug".

Der Bundeskanzler findet die üblichen Liebenswürdigkeiten überflüssig; ihm fehlt jede Leichtigkeit; Small Talk, dieses unerlässliche Requisit jeglicher Gesellschaft, ist ihm unbekannt; Spontaneität gibt es bei ihm nur in der Form von plötzlich ausbrechendem Unwillen, wobei die Stimme sich hebt und die Sätze schnell und heftig herausgestoßen werden – spontane Warmherzigkeit erlebt man nur ganz selten. Er aber findet, dass er ohne dieses Zubehör raffinierterer Lebensweise sehr gut auskommt und dabei noch Zeit spart.

In der Tat kann man gut verstehen, dass seine atemlosen, verhetzten Tage nur für das absolut Essenzielle Zeit lassen. In einem Interview hat er einmal auf die Frage, ob unsere Industriegesellschaft bei den heute so komplexen Problemen überhaupt noch demokratisch-parlamentarisch regierbar sei, geantwortet: "Sie ist gewiss regierbar, aber niemand soll sich einbilden, dass dies im Zeitalter des Fernsehens, im Zeitalter der Massenpresse, im Zeitalter schnell sich ausbreitender Stimmungen ein einfaches Geschäft sei. Man braucht bestimmt weit mehr als die Hälfte seiner Zeit und seiner Arbeitskraft, vielleicht zwei Drittel, um die Zustimmung von Gremien und Ausschüssen, die Zustimmung des Bundestages, die Zustimmung der öffentlichen Meinung zu erreichen für Entscheidungen, die man für sich selbst bereits getroffen hat."

Wenn jemand wie der Bundeskanzler, der die drei seltenen Gaben besitzt, die den Staatsmann ausmachen: erstens die Fähigkeit, theoretisch zu analysieren, zweitens mit scharfem Blick zu erkennen, was davon in praktische Politik umgesetzt werden kann, und drittens auch noch über die Beredsamkeit verfügt, andere von der Richtigkeit dieser Ansichten zu überzeugen – wenn der mehr als die Hälfte seiner Zeit und Kraft braucht, um die notwendige Zustimmung zu gewinnen, dann kann man sich eine Vorstellung davon machen, was Regieren heißt.

Insofern beruht der Vorwurf der Arroganz, der ihm oft gemacht wird ("Es hat gar keinen Zweck mit ihm zu reden, er weiß ja doch alles besser") auf einem Missverständnis. Blabla-Gespräche machen ihn, der sehr viel rascher denkt als die meisten anderen, mit Sicherheit ungeduldig, weil sie Zeit verschwenden und ihn langweilen; wenn er aber jemand trifft, der neues Wissen, anregende Kritik oder interessante Einsichten zu vermitteln hat, dann ist Helmut Schmidt ein höchst aufmerksamer Zuhörer, für den Zeit scheinbar keine Rolle spielt.

Wenn gelegentlich festgestellt wird, es fehle ihm an Bescheidenheit, so ist das richtig und falsch zugleich. Es ist richtig insofern, als er seinen Rang sehr wohl kennt und nicht einsieht, warum er diese sachlich feststellbare Tatsache scheinheilig verhüllen soll; es ist dagegen falsch, wenn es sich um Bescheidenheit in einem höheren Sinn – beispielsweise dem Schicksal gegenüber – handelt. Diese Bescheidenheit besitzt er durchaus. In der Regierungserklärung nach der Befreiung der Geiseln in Mogadischu und zur Ermordung Hanns Martin Schleyers sagte er: "Wer weiß, dass er so oder so trotz allen Bemühens mit Versäumnis oder Schuld belastet sein wird, wie immer er handelt, der wird von sich selbst nicht sagen wollen, er habe alles getan und alles sei richtig gewesen."

Auszug aus: Marion Dönhoff (Hrsg.): "Hart am Wind. Helmut Schmidts politische Laufbahn"; Albrecht Knaus Verlag., Hamburg 1978