Dienstag, 23. September 1975

9.37 Uhr. Noch ehe sich die Tür geöffnet hat, weiß Marianne Duden, die jüngere der beiden regierenden Vorzimmerdamen: "Der Chef kommt." Sie hat es im Gefühl. Doch als Erstes steht der Sicherheitsbeamte Werner Seewald im Zimmer, er trägt die schwarze Aktentasche des Bundeskanzlers und stellt sie schweigend in einer Ecke ab. Heute ist es nur eine Tasche, an anderen Tagen sind es drei. Hinter Seewald tritt Helmut Schmidt ein. Er grüßt knapp "Morgen", mit unbewegter Miene, die Augen schwer von versäumtem Schlaf. In das erwartungsvolle Schweigen der beiden Damen sagt er beiläufig hinein, der Parteireferent Peter Walter solle kommen. Und: "Ich muss telefonieren." Und: "Wann muss ich weg?" Dann verschwindet er durch den braunen Salon – den Warteraum für Staatsbesucher – hinter der Doppeltür seines Arbeitszimmers.

Es war ein typischer Dienstbeginn im Bundeskanzleramt – ohne Wirbel, ohne Schnörkel, nicht der Auftritt eines großen Zampano. Dass "der Chef" gekommen ist, merkt man erst daran, dass plötzlich Leben in das Vorzimmer gerät. Es ist eher klein, schmal wie ein Handtuch und ohne Anspruch möbliert: zwei zusammengestellte Schreibtische, an denen sich die beiden Sekretärinnen gegenübersitzen; ein paar gelbliche Bundeseinheits-Aktenschränke, Buche furniert; in der Ecke ein mausgrauer Stahltresor für die Geschäftsgeheimnisse. Nur die weißen, bauschigen Stores vor den Fenstern und die frischen Astern aus dem Park des Palais Schaumburg schaffen ein wenig wohnliche Atmosphäre.

Dies ist der Vorhof der Macht. Hier, bei Liselotte Schmarsow, der Nummer eins im Sekretariat, und Marianne Duden trifft sich alles, was zum Tross des Bundeskanzlers gehört. Hier werden auf harten Hockern gekränkte Seelen aufgerichtet, wird anderen der Marsch geblasen. Hier wird Kaffee getrunken oder abends auch mal ein Campari-Soda bittersüß: Kein Drink passt besser ins Vorzimmer von Helmut Schmidt. Und hier werden auch die Klatschkolumnen zerpflückt und verhöhnt, die sich den Kanzler zur Zielscheibe genommen haben. "Am besten bleiben Sie hier", hat Liselotte Schmarsow in ihrer zupackenden Art denn auch gemeint, als ich mich an diesem Morgen im Palais Schaumburg einfand. "Hier bekommen Sie das meiste mit."

Kanzlerfahrer Willi Jülich will wissen, ob er den Wagen vor der Tür stehen lassen soll. Der Parteireferent – ein junger Mann, der als Einziger in der Umgebung des Regierungschefs Haar und Bart trägt wie ein Juso – kommt und wird ins Allerheiligste geschickt. Ist er nicht der Nachfolger von Günter Guillaume? Die Frage bleibt in der Luft hängen. Über G. wird nicht gesprochen. Auch Udo Löwke taucht auf, der persönliche Referent des Kanzlers. Er will sich ein Bild von der Stimmung machen. Durch die Tür, die den kleinen Kabinettsaal mit dem Vorzimmer verbindet, schiebt sich der mächtige Schädel von Staatssekretär Manfred Schüler. Während er darauf wartet, dass der Bundeskanzler wieder allein ist, beteiligt er sich freundlich interessiert am Vorzimmergespräch.

Am Abend vorher ist Präsident Ford zum zweitenmal innerhalb von siebzehn Tagen dem Pistolenanschlag einer Frau entkommen. Schüler gestattet sich, im Tone einer sachlichen Feststellung zu bemerken, der herausragende Beitrag der Frauen zum Jahr der Frau seien offenbar Attentate. Liselotte Schmarsow und Marianne Duden sind empört. Beide haben Gerald Ford kennengelernt, als er Ende Juli in Bonn zu Besuch war – Bundeskanzler Schmidt stellt seine Sekretärinnen jedem Staatsbesucher vor; und beide waren von seiner Herzlichkeit und Offenheit angetan. Die Nachricht ist ihnen aber nicht nur deswegen an die Nieren gegangen. Helmut Schmidt – "der Chef" – gehört schließlich ebenfalls zu denen, die im Risiko leben. Keiner kennt die Gefährdung besser als die beiden Sekretärinnen. Reden wollen sie darüber lieber nicht. "Man soll schlafende Hunde nicht wecken", beendet Liselotte Schmarsow knapp das Gespräch.

"Lilo" ist eine Berlinerin, wie sie im Buche steht: mollig und resolut. Sie dient – und bedient – Helmut Schmidt seit 1968, seit dem Tode Fritz Erlers, in dessen Vorzimmer sie einst saß; im SPD-Parteivorstand hatte sie schon seit 1952 gearbeitet. Zusammen mit dem Chef, den sie manchmal schnoddrig "Schmidt-Deutschland" nennt, hat sie die Hürden zum Bundeskanzleramt genommen: vom Fraktionsvorstand ins Bundesverteidigungsministerium, von dort ins Superministerium für Wirtschaft und Finanzen, zuletzt ins Finanzministerium. Mit Marianne Duden, die Helmut Schmidt auf der Hardthöhe entdeckte und beschlagnahmte, ist sie sich einig: In Krisenzeiten war das Leben mit dem Chef immer am schönsten. Die Währungskrisen waren den beiden die liebsten. "Ich könnte nie für eine andere Partei arbeiten", sagt Lilo Schmarsow. Für Helmut Schmidt würde sie notfalls über Leichen gehen. Manchmal sagt sie ihm freilich auch die Meinung. Udo Löwke, der persönliche Referent des Kanzlers, hat sie respektvoll zur "Mutter Courage" ernannt. Andere, denen sie ihre Zuneigung versagt, betiteln sie enttäuscht als Vorzimmerdrachen. Lilo Schmarsow ist geschieden – genauso wie die rheinische Frohnatur Marianne Duden. Ein Bundeskanzler genügt fürs Leben, finden die beiden Frauen. Einen Ehemann kann man sich daneben gar nicht mehr leisten.