Die Moränenlandschaft im Norden Berlins war mir wohlvertraut, auch deshalb bin ich gern an den Werbellinsee nach Schloss Hubertusstock gefahren. Honecker dagegen fürchtete, es könnte zu ähnlichen spontanen Sympathiekundgebungen für den westdeutschen Besucher kommen wie vormals beim Treffen Willy Brandts mit Willi Stoph in Erfurt; die zu erwartende polizeiliche und militärische Abriegelung der kleinen Stadt Güstrow am nächsten Tage hat diese Angst vor einem großen Fernsehpublikum dokumentiert. Die SED hatte auch die Sorge, die Vorgänge auf den Werften von Danzig und Gdingen könnten auf die Werftstadt Rostock überschwappen.

Honecker war als Gesprächspartner nicht entfernt so frei wie der westdeutsche Kanzler. Für das Treffen mit mir brauchte er zum Beispiel die Moskauer Genehmigung, so hatte es mich Breschnew kurz vorher auch wissen lassen. Ich hingegen habe selbstverständlich niemanden fragen müssen. Gleichwohl trat Honecker in unseren Gesprächen – insgesamt seit Helsinki 1975 wohl 24 Stunden – immer mit der Attitüde eines welterfahrenen Staatsmannes auf.

Er glaubte in vollem Ernst, die DDR habe wirtschaftlich "Weltklasseniveau" erreicht und gehöre zu den bedeutendsten Industrienationen der Welt. Zugleich war er aber bekümmert über den geringen Wechselkurs der Mark (Ost) und über die Devisennotlage der DDR. Der Wunsch nach weiteren westlichen Devisenkrediten kam immer wieder zur Sprache. Im Unterbewusstsein, so habe ich empfunden, hatte er jedoch einen Minderwertigkeitskomplex – nämlich weil er uns immer wieder die Freiheit und die Ausreise von Menschen gegen DM (West) verkaufte, die zu Unrecht in seinen Gefängnissen einsaßen, und wohl auch, weil er wusste, dass seine Formel von der DDR als "sozialistische Nation" Unfug war und dass seine Regierung auf der militärischen Präsenz sowjetischer Truppen beruhte, nicht auf der Zustimmung der Bürger der DDR.

In Schloss Hubertusstock haben wir uns korrekt und zugleich offen und kollegial verhalten. In allen unseren Begegnungen habe ich mich Honecker gegenüber – im Interesse aller Deutschen auf beiden Seiten – um ein gutes persönliches Verhältnis bemüht. Ich habe ihm innerlich seine langen Zuchthausjahre unter den Nazis und die Standhaftigkeit zugutegehalten, mit der er an den kommunistischen Idealen seiner Jugend festgehalten hat. Aber im Gespräch benutzte er oft vorgeprägte Redensarten. Er ist mir als ein Mann von beschränkter Urteilskraft erschienen. Er war zwar ein freundlicher Gastgeber, für mich ist er jedoch ein Gegner geblieben, bis zu seinem Tode im Exil auch ein Gegner der deutschen Vereinigung.